Sport : Long John und die Mafia

Einst spielte Giorgio Chinaglia mit Beckenbauer und Pele, jetzt wird ihm in Italien Schlimmes vorgeworfen

Paul Kreiner[Rom]

Giorgio Chinaglia – wie haben sie ihn vergöttert! Den „Bomber der Azzurri“, den Mittelstürmer, der „ein ganzes Spiel allein bestreiten konnte“, der Lazio Rom 1974 zur ersten, zur legendären Meisterschaft schoss und der danach in den Fußballhimmel auffuhr: zu Cosmos New York, wo er auf denselben Wolken kickte wie Beckenbauer und Pele: 193 Tore in 213 Spielen – ein Wahnsinn, prachtvoll vergoldet im Dollarglanz.

Noch am Spieltag vergangene Woche zeigten die „Irreducibili“, die unbeugsamen Lazio-Fans in der Nordkurve, ihr Plakat: „Chinaglia – gestern, heute und morgen!“ Zeitungen indes nennen ihn einen „unheilbaren Naivling“. Und falls sich „Long John“, wie er hier genannt wird, jemals wieder aus New York nach Rom traut, erwartet ihn dort die „Himmelskönigin“, auf gut lateinisch Regina Coeli – das innerstädtische Gefängnis. Allein bräuchte sich Chinaglia dort nicht zu fühlen: Vier Führer der Irreducibili sitzen zu Untersuchungszwecken bereits ein, mit ihnen drei Berater oder Drahtzieher des Fußballgottes. Nötigung, Erpressung, Kurstreiberei und Todesdrohungen, so lauten die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft.

Die Geschichte beginnt am 19. Juli 2004, als der 46-jährige Reinigungsunternehmer Claudio Lotito für 21 Millionen Euro den Erstligaverein SS Lazio Rom kauft, aus der Konkursmasse des Bankrotteurs Sergio Cragnotti. Zwar einigt sich Lotito vergleichsweise schnell mit dem Finanzamt über die Abstotterung der Millionenschulden, agiert aber ansonsten offenbar nicht besonders sauber: Für die Schiedsrichter-Schiebereien der Saison 2004/2005, für die Beteiligung am System Juventus/Moggi, bekam Lazio im Sommer elf Strafpunkte aufgebrummt.

Die 7000 Irreducibili, der wohl härteste rechtsextrem-faschistische Kern, den Italiens Fußball aufzubieten hat, bekämpfen Lotito seit dem ersten Tag. Sie hetzen im Stadion gegen ihn, sie polemisieren in den viel gehörten Fan-Radios („Stimme der Nordkurve“), sie kippen ihm Mist vors Haus, schicken Briefbomben und Drohbotschaften: „Dieses Bastard-Schwein muss weg, oder ihr findet ihn mit durchgeschnittener Kehle!“

Dabei geht’s nicht um politische Einstellungen; selbst die allzeit bereiten Fans haben an Lotito noch keinerlei „kommunistische“ Anflüge feststellen können. Es geht ums Geschäft. Sergio Cragnotti, der Vorbesitzer, hatte den Tifosi viel Geld zugesteckt: für die Choreografie ihrer Auftritte in der Nordkurve zum Beispiel, 25 000 Euro pro Spiel. Er hatte ihnen den Verkauf von Lazio-Fanartikeln zugestanden, tausend kostenlose Jahres- Abos, einen Teil des Kartenverkaufs, Bustransporte für Auswärtsspiele. Die Führer der Irreducibili sahen sich auf gutem Weg, das Marketing von Lazio gänzlich zu übernehmen.

Dann kam Lotito. Er fuhr den Ultras in die Parade, sowohl aus wirtschaftlichen wie aus Image-Gründen. Und die Polizei hörte mit, wie sich die Manager der Irreducibili am Telefon absprachen: „Wenn der so weitermacht, werden wir zu Hungerleidern.“ Oder: „Allmählich sollten wir ihn massakrieren.“

Im Frühjahr plötzlich meldete sich Lazio-Liebling Giorgio Chinaglia aus New York. Dass er und die „Irreducibili“ sich gegenseitig mögen, weiß man; man weiß aus zahlreichen Absichtsbekundungen auch, dass die Ultras ihn lieber heute als morgen zum Lazio-Präsidenten machen würden. Wie Chinaglias Auftritt aber genau zustande kam, das harrt noch der Aufklärung. Jedenfalls erklärte Chinaglia, er sei „Sprecher einer weltweiten Holding mit einer Milliarde Umsatz“, die nun Lazio Rom übernehmen und „retten“ wolle.

Wer jene Holding gewesen sein soll, ist bis heute rätselhaft. Chinaglia nannte ein paar ungarische Firmen, Pharmaunternehmen, Investmentbanken – eine nach der anderen dementierte. Die Aktienkurse der SS Lazio Rom fuhren Achterbahn. Die Börsenaufsicht schaltete sich ein, Chinaglias Berater präsentierten eine Überweisung aus Budapest in Höhe von mehr als 20 Millionen Euro. Das ungarische Konto stellte sich bei Nachforschungen als leer heraus. Und die Polizei hörte ein merkwürdiges Telefonat ab. Auf die Frage eines Irreducibile, wer denn nun die rätselhaften Investoren seien, antwortete Chinaglia: „Was für einen Scheißdreck weiß denn ich? Ich habe nicht die geringste Ahnung!“

Die Staatsanwaltschaft hat durchaus eine Idee. Ihr sind Querverbindungen zwischen Beratern Chinaglias und einem gewissen Giuseppe Diana aufgefallen. Diana wiederum steht unter Mafia-Verdacht. Er betreibt ein Unternehmen für Auto-Flüssiggas in Casal di Principe, in der Nähe von Neapel, und soll der Camorra angehören oder nahestehen. Die Familien aus Casal di Principe, die Casalesi, gelten als derzeit mächtigste und brutalste Camorristi. Ihre Milliarden verdienen sie im Drogenhandel, im illegalen Geschäft mit (Sonder-)Müll, im Bauwesen, landesweit. Der junge Schriftsteller Roberto Saviano, der die Geschäfte unlängst aufgedeckt hat, musste unter Polizeischutz genommen werden.

Der Treibstoffhändler Diana nun, so meint die Staatsanwaltschaft, könne die 21 Millionen Euro, die er in Ungarn zwischengelagert hat, nicht im normalen Geschäft erworben haben; um sie nach Italien zurückzuholen, hätte er sie waschen müssen. Eine Großinvestition in den Fußball wäre dafür geeignet, befinden die Ermittler und verweisen auf einen früheren, gescheiterten Versuch: Unbekannte mit Chinaglia als Aushängeschild wollten den Verein Lanciano (in der Nähe von Pescara) aufkaufen. Der spielt in der C-Klasse, unauffällig und fernab der nationalen Scheinwerfer. In die Spitzenliga indes hat sich die organisierte Kriminalität bisher nicht vorgewagt. Der Angriff auf Lazio Rom wäre, soweit man weiß, ihr erster Versuch gewesen.

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