Looking for Eric : Eric Cantona: Das Genie als Geist

Der Fußballheld als Filmstar: Eine Begegnung mit Eric Cantona vor dem Kinostart von "Looking for Eric". In dem Film von Regisseur Ken Loach spielt Cantona sich selbst und erscheint einem glühenden Fan in dessen Lebenskrise als guter Geist.

Markus Hesselmann
Looking for Eric
Der doppelte Eric. Schlampiger Postbote und schlampiges Fußball-Genie.Foto: Sixteen Films

Der Mann lebt den Mythos. Seinen Gesprächspartner erwartet Eric Cantona mit dem Rücken zum Raum. Eine Napoleon-Figur am Fenster des Berliner Hotels Kempinski. Einen Moment des Sinnierens gönnt sich der Franzose noch, bevor er sich umdreht und an den Interview-Tisch herantritt. Tatsächlich: Cantona trägt den Kragen seiner Jacke auch im richtigen Leben hochgeklappt, ganz so, wie er es immer mit seinem Trikot gehalten hatte. Die Fragen gern auf Englisch, die Sprache seiner langjährigen Wahlheimat versteht Cantona sehr gut. Die Antworten in French please, in der Muttersprache drückt er sich genauer aus. Und er will sich sehr genau ausdrücken, denn dieses Projekt ist Eric Cantona ungemein wichtig. Der frühere Stürmerstar von Manchester United hat einen Film mit Ken Loach gedreht, dem großen britischen Regisseur. „Looking for Eric“ ist nicht Cantonas erstes Kinoprojekt – zuvor wirkte er zum Beispiel im Tudor-Drama „Elizabeth“ sowie in einer Reihe französischer Filme mit –, aber es ist sein persönlichstes. Cantona wollte einen ungewöhnlichen autobiografischen Film machen, einen Film über sich selbst aus Sicht seiner Fans.

„Es musste ein englischer Regisseur sein“, sagt Cantona. „England ist für mich gleichbedeutend mit Fußballkultur. Es gibt England und es gibt den Rest der Welt.“ Englische Fans seien „durchströmt vom Fußball“. Cantona war als Fußballer auf der Insel einer der Größten, warum also sollte er nicht bei den ganz großen Regisseuren nachfragen? „Der erste auf unserer Liste war Ken Loach und der erste, der uns empfangen wollte, war Ken Loach“, erzählt Cantona, der die Filmidee mit seinen Brüdern ausgeheckt hatte. Die französische Abordnung verstand sich auf Anhieb sehr gut mit dem englischen Starregisseur. Man wurde sich einig.

Cantona spielt Cantona in „Looking for Eric“. Im Film, der in Manchester spielt, ist er aber nur durch die Augen eines seiner glühendsten Fans sichtbar – ein guter Geist, eine Erscheinung, ein virtueller Berater. „So konnte ich selbstironisch an meine Rolle herangehen“, sagt Cantona.

Der Fan – der ebenfalls Eric heißt – hat in seinem Leben so ziemlich alles falsch gemacht: Die Frau, die ihn liebte – verlassen. Die Söhne aus verschiedenen Beziehungen – missraten. Und bei der Arbeit als Postbote enttäuscht er die Kollegen, obwohl die doch auf seiner Seite sind, allen voran sein Chef. Immer wieder müssen sie ihn raushauen, zum Beispiel die Briefe verteilen, die Eric zu Hause gehortet hat, weil ihm alles zu viel wurde. Sogar in einer Auseinandersetzung mit der mankunischen Mafia, in die Fan-Eric von einem seiner Söhne durch dessen Dummheit gezogen wurde, stehen die Kumpels von der Post ihm zur Seite.

Die gute alte britische Post, durch Rationalisierung und Privatisierung gefährdet, ersteht hier als Festung in der Schlacht gegen neureiche, kriminelle Schnösel – das passt zu Ken Loach und seinem britisch-pragmatisch-sozialistischen Weltbild. Schlampiger Postmann trifft schlampiges Fußballgenie – das passt zu Eric Cantona und seinem Selbstbild vom sensiblen Fußballstar, der vor Kraft strotzt, aber Emotionen nicht scheut. „Beim Fußball küssen sich sogar englische Männer“, sagt Cantona in einer Filmszene und spielt auf das britische Klischee vom weibischen Franzosen an. „Der Satz ist von Ken“, erzählt Cantona. Doch er habe auch ihm sehr gefallen.

Mit den Franzosen hatten die Engländer eigentlich immer Probleme – schon viel länger als mit den Deutschen. Schließlich war Krieg zwischen beiden Ländern in früheren Jahrhunderten fast ein Dauerzustand. Geschichte ist für Briten ein hohes Gut, fast so heilig wie der Humor. Doch der Franzose Cantona wurde zum Helden auf der Insel. Die Fans von Manchester United wählten ihn zum Fußballer des Jahrhunderts – trotz George Best, trotz Bobby Charlton. Sie liebten Cantona trotz oder wegen seiner Exzentrik und Eskapaden. Denn da war ja nicht nur der hochgeschlagene Kragen: 1995 wurde Cantona nach einem Kung-Fu-Tritt gegen einen Fan für neun Monate gesperrt. Der Mann habe ihn fremdenfeindlich beleidigt, beteuerte Cantona. Und es stellte sich tatsächlich heraus, dass sein Opfer ein Rechtsradikaler war.

Cantona hält ansonsten nichts von Gewalt, doch das Physische zieht ihn an – auch beim Schauspielen, seiner zweiten Leidenschaft nach dem Fußball. „Ich mag Gerard Depardieu sehr. Er kann alles spielen, Tragödien wie Komödien. Und er kann sehr physisch sein.“ Und warum zog es ihn, Cantona, überhaupt zur Schauspielerei? „I wanted to act!“, ruft Cantona plötzlich ohne den Umweg über die Muttersprache und den Dolmetscher. Dumme Frage. Er wollte es halt versuchen mit der Schauspielerei, so als ob das für einen Fußballprofi das Natürlichste von der Welt sei.

Als Fußball-Fan zieht Cantona das Künstlerische dem Kräftigen vor: Zwar sei er auch immer Anhänger des Teams seiner Heimatstadt gewesen, Olympique Marseille. Doch die Helden seiner Kindheit, das waren die Holländer: Ajax Amsterdam und das niederländische Nationalteam der Siebzigerjahre. „Diese Freiheit, diese Kreativität, dieser totale Fußball.“ Und dann die Niederlage gegen Deutschland 1974 im WM-Finale. „Ich habe geweint“, sagt Cantona.

Der Fußballer Cantona lebte genauso von seiner Technik und Kreativität wie von seiner Kraft. Seine realen Torszenen haben einen guten Anteil daran, dass aus „Looking for Eric“ ein gelungenes Beispiel für das schwierige Fußballfilm-Genre wird. Es ist ein Genuss, Cantona mit unbändiger Kraft und brillanter Technik Tor um Tor schießen zu sehen. Doch sein größter Moment, erzählt der Film-Cantona, sei kein Tor gewesen, sondern ein Pass: ein Akt der Kommunikation, ein Akt der Kooperation. Und hierin liegt dann auch der Schlüssel zur Lösung der Probleme seines Fans. „Looking for Eric“ ist ein Film mit anglo-französischem Pathos, auf den man sich als trockener Deutscher einfach einlassen muss. Ab nächsten Donnerstag, wenn der Film bei uns anläuft.

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