Sport : Lothar Matthäus: Großer Spieler - großer Trainer?

Stefan Hermanns

Man kann sich aber auch auf gar nichts mehr verlassen. Erst verlieren die deutschen Fußballer gegen England, was laut Uli Hoeneß in 100 Jahren nicht vorkommt, und jetzt vergessen auch noch die Österreicher alles, was ihr kollektives Empfinden seit Generationen geprägt hat. Eine, sagen wir mal, gewisse Reserviertheit für ihren Nachbarn im Norden. Rapid Wien, so was wie der FC Bayern Österreichs, wird heute Lothar Matthäus als seinen neuen Trainer präsentieren. Ausgerechnet Matthäus, den deutschesten aller deutschen Fußballer.

Matthäus wäre nicht Matthäus, wenn die ganze Angelegenheit ohne begleitende Dissonanzen abgelaufen wäre. Kommt er oder nicht? Will er? Oder will er doch nicht? Man kennt das schon aus Frankfurt, wo sich das Theater über mehrere Wochen hingezogen hat und am Ende historische Animositäten die Entscheidung beeinflusst haben. Der junge Lothar hatte den alten Grabowski einst so derbe gefoult, dass der seine Karriere beenden musste. Das lag zwar schon mehr als 20 Jahre zurück, aber der Eintracht-Fan vergisst eben nicht so schnell.

Die Österreicher sind offensichtlich nicht so verbohrt, vielleicht liegen die Schmähungen und Verletzungen durch den großen Nachbarn auch einfach schon zu lange zurück. Oder der Zustand bei Rapid ist so grausig, dass selbst Matthäus in die engere Wahl für den Trainerjob gekommen ist. Ob die Rapidler wirklich wissen, was sie tun? Matthäus war zwar ein großer Fußballer, aber das heißt noch lange nicht, dass er auch ein großer Trainer wird. Siehe Bernd Schuster. Oder Rainer Bonhof. Oder Pierre Littbarski.

Matthäus selbst sind solche Gedanken natürlich vollkommen fremd. Eigentlich sieht er sich als geborenen Bundestrainer, doch dieser Job ist zurzeit leider anderweitig vergeben. Dummerweise wird sich daran über kurz oder lang auch nichts ändern. Vermutlich hatte Matthäus keine Lust mehr, auf Dauer nur den Grüßaugust bei "Premiere" zu geben. Einen Job anzutreten, nur weil sich gerade nichts Besseres findet, ist allerdings nicht gerade der beste Einstieg. Hoffentlich empfindet Matthäus seine neue Aufgabe nicht als seiner unwürdig. Möglich wäre das. Doch ob ihn solche Gedanken plagen, wissen wir leider nicht. Matthäus selbst schweigt zu allem. Das steht zumindest in der "Bild"-Zeitung, was wiederum sehr witzig ist. Matthäus schweigt nur selten, und wenn er schweigt, dann bestimmt nicht gegenüber seinen Kumpels von der "Bild".

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