Lothar Matthäus : Nur die Deutschen fragen immer

Testspiel gegen Werder Bremen: Lothar Matthäus ist beim israelischen Klub Netanya ein normaler Fußballtrainer. Der Franke ist nach wie vor von sich überzeugt.

Frank Hellmann[Schruns]

Alles endete am Wochenende so, wie es für Lothar Matthäus vor 14 Tagen angefangen hat. Mit lästigem Regen in Vorarlberg. Das Hochjochmassiv des Montafon war wieder in dunkle Wolken gehüllt, als der deutsche Rekordnationalspieler auf dem Sportplatz von Schruns das letzte Testspiel des Trainingslagers mit seinem Arbeitgeber Maccabi Netanya bestritt. Es ging immerhin gegen Werder Bremen. Matthäus hockte sich auf die Sitzreihe der überdachten Ersatzbank, stellte die schwarzen Lederschuhe auf die Sitzfläche und thronte so über allen anderen.

Was der Franke aus exponierter trockener Position sah, verfolgte gleichzeitig Klubeigentümer Daniel Jammer aus der Ferne live im Internet. Jammer – ein Unternehmer, dessen Großeltern sich als Holocaust-Überlebende in Frankfurt niedergelassen hatten – sah, wie der Zweite aus Israel mit seinem neuen deutschen Trainer dem Vizemeister aus Deutschland heillos unterlegen war. Ein deutscher Trainer in Israel? „Komischerweise fragen immer nur die Deutschen danach“, sagt Matthäus. In Israel ist das tatsächlich kaum ein Thema, und die Standardantwort von Matthäus lautet: „Politik und Sport müssen getrennt werden.“ Sportlich war Netanya mit dem 0:3 noch gut bedient. „Die spielen Champions League, wir Uefa-Cup-Qualifikation“, erklärte Matthäus hinterher, „wir können uns mit den Bremern nicht vergleichen.“

Netanyas Etat beträgt zehn Millionen Dollar, Matthäus soll rund eine halbe Million Euro pro Jahr kassieren. Dafür arbeitet der vom DFB per Sonderlehrgang lizenzierte Fußballlehrer hart. Beim Training auf einem Sportplatz in Vandans, einem Nachbarort von Schruns, mischt der Chefcoach stets so aktiv mit, wie es sein Intimfeind Jürgen Klinsmann in München tut; beim Kreisspiel, bei den Standardsituationen, beim Taktiktraining ist Matthäus mittendrin. Die Kommandos ertönen ausschließlich auf Englisch. „Goalkeeper, I show you” – „One striker on this position” – „Free kick from here!“ Und nicht nur sein Co-Trainer David Pizanti, einst Bundesligaspieler beim 1. FC Köln, ist begeistert. „Lothar ist unser großes Glück. Wir haben einen Professor bekommen. Wir lernen jetzt jeden Tag.“

Ist da ein Heilsbringer am Werk? Francis Kioyo, der wuchtige Stürmer aus Kamerun, in deutschen Klubs viel rumgekommen und einer von den in der israelischen Liga nur fünf zugelassenen Ausländern pro Verein, bejaht dies. „Letzte Saison haben alle nur lange Bälle auf mich geschlagen. Jetzt versuchen wir richtigen Fußball zu spielen.“ Matthäus weiß, dass es bislang eher wie ein Versuch wirkt: „Ich habe mit dem kleinen Fußball-ABC anfangen müssen – und einfache Dinge wie Passen üben lassen.“ Die Bedingungen? Das Niveau sei Zweite Liga, das Budget Dritte Liga, die Infrastruktur gar nur Bezirksliga.

Matthäus wohnt im Nobelviertel der 170 000 Einwohner zählenden Stadt Netanya zwischen Haifa und Tel Aviv – in eine der beiden Metropolen wird man ausweichen müssen, wenn im August die zweite Runde der Uefa-Cup-Qualifikation ansteht. Das kleine Stadion ist arg baufällig, ein eigenes Trainingsgelände hat der Klub nicht. Matthäus betont trotzdem seine Vorliebe für Land und Leute, er könne nur jedem Deutschen empfehlen, in Israel doch mal Urlaub zu machen.

Mit dem ihm eigenen Pathos redet er über seinen neuen Job. „Mich hat keiner gezwungen, diesen Job anzunehmen – ich habe auch nicht darauf hingearbeitet.“ Dahinter steckt viel Wahrheit: So gut der Karriereplan des Spielers Matthäus verlief, so wenig tat er das beim Trainer Matthäus. Nach wie vor reizt es ihn, in der Bundesliga zu arbeiten. „Ich hätte keine Angst davor. Ich kenne meine Qualitäten als Trainer, ich weiß, was ich in den vergangenen fünf, sechs Jahren geleistet habe. Davon ist nur zu wenig nach Deutschland rübergekommen.“

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