Lucien Favre : Der Trainer und das Temperament

Nach seinem Platzverweis beim 1:1 in Dortmund entschuldigt sich Hertha-Trainer Lucien Favre für sein Verhalten.

Stefan Hermanns[Dortm]
Favre
Sah rot: Nach Tumulten an der Seitenlinie wurde Lucien Favre des Platzes verwiesen. -Foto: ddp

Um kurz nach halb elf brachte Lucien Favre die unangenehme Angelegenheit hinter sich. Er senkte den Blick, schloss für einen Moment die Augen – dann trat er in die Schiedsrichterkabine. Der Trainer von Hertha BSC musste nach dem 1:1 seiner Mannschaft bei Borussia Dortmund Buße tun für unziemliches Verhalten. In der 54. Spielminute war er von Schiedsrichter Babak Rafati des Feldes verwiesen worden, nachdem er ein wenig zu heftig protestiert hatte. „Ich darf das nicht machen“, sagte Favre später, zumal er doch Verständnis für die Aufgaben der Schiedsrichter hat. „Ich mache das manchmal im Training. Das ist nicht sehr gemütlich.“

Dem Platzverweis für Herthas Trainer war die skurrilste Szene des Spiels vorausgegangen. Nach einem Zweikampf genau vor der Berliner Bank erregte sich Marko Pantelic, dass der Schiedsrichter das Spiel weiterlaufen ließ, Favre mischte sich ein, attackierte den Linienrichter – während die Dortmunder den Gegenangriff beinahe zum 2:1 genutzt hätten. Bei der nächsten Spielunterbrechung ließ sich Rafati über die Tumulte an der Seitenlinie informieren, anschließend ging er zu Pantelic und zeigte ihm die Rote Karte. Im selben Moment aber signalisierte ihm sein Assistent, dass er den Falschen bestraft hatte. Rafati nahm den Platzverweis zurück, entschuldigte sich bei Pantelic und schickte stattdessen Favre auf die Tribüne. „Es lag hier ein Missgeschick in der Kommunikation vor“, sagte der Schiedsrichter nach dem Spiel. Der vierte Offizielle hatte ihm mitgeteilt, dass der Linienrichter angefasst und ihm der Vogel gezeigt worden sei. Rafati dachte, Pantelic sei der Delinquent gewesen – dabei hatte Favre sich vergessen.

In der Nachbetrachtung des Spiels nahm das schiedsrichterliche Missverständnis breiten Raum ein, dabei sagte Herthas Manager Dieter Hoeneß: „Das war nicht die wichtigste Szene.“ Auf den Ausgang des Spiels hatte sie keine Auswirkungen: Pantelic durfte weiterspielen, und Favre nahm per Mobiltelefon weiter Einfluss auf das Spiel seiner Mannschaft. Auswirkungen auf den Ausgang der Begegnung hatten eher die Versäumnisse der Berliner. „Es gab genug Situationen, wo wir mehr draus hätten machen können“, sagte Hoeneß. „Leider haben wir schon zum zweiten Mal zwei Punkte liegen gelassen. Schade eigentlich.“

Aber vielleicht hängt das eine, Favres Ausbruch, auch mit dem anderen, der Unentschlossenheit seiner Mannschaft, zusammen. Bisher gilt Favre als ruhig, zurückhaltend und höflich; dass er sich in Dortmund kurzzeitig vergaß, war Ausdruck einer enormen inneren Spannung. Seine Mannschaft hat in den vergangenen Wochen enorme Fortschritte gemacht, sie ist aber noch nicht so weit, dass Favre ihren Darbietungen mit selbstgewisser Gelassenheit folgen kann. In der Situation, in der Herthas Trainer alle Zurückhaltung fahren ließ, drohte das 2:1 für die Dortmunder und damit die Möglichkeit, gegen einen allzu biederen Gegner sogar noch zu verlieren.

Nur auf den ersten Blick bewegen sich Hertha und der BVB derzeit auf etwa gleichem Niveau. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass bei den Berlinern die Voraussetzungen für eine bessere Zukunft zumindest im Keim existieren. Sie haben all das, was die Dortmunder nicht haben: ein Mittelfeld, das dem Spiel Struktur geben kann, einen Stürmer, der Bälle behaupten kann und immer gefährlich ist, vor allem aber haben sie einen Plan. „Wenn wir die Bälle erobern, treffen wir fast immer die richtige Entscheidung nach vorne“, sagte Josip Simunic. Manager Hoeneß erkennt darin „mittlerweile die Handschrift des Trainers“. Taktisch hat Hertha sich erheblich verbessert. „Es passiert was mit der Mannschaft“, sagte Hoeneß. „Und ich glaube, dass das noch besser werden kann.“ Für das innere Gleichgewicht Lucien Favres wäre es nur zu wünschen.

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