Sport : Lügen auf dem Mittelstreifen

Benedikt Voigt

Fahr’ ich zu schnell? Sergio stellt diese Frage. Sein linker Blinker blinkt seit einer halben Stunde, und als er an einer Mautstelle rechts vorbeisaust, erhält er prompt einen Anruf. Jemand von der Mautstelle beschwert sich, er habe die falsche Durchfahrt benutzt. „Fahr’ ich zu schnell?“, fragt Sergio.

Natürlich war der Olympia-Berichterstatter glücklich, am Turiner Flughafen Caselle den 63 Jahre alten freiwilligen Olympiahelfer Sergio getroffen zu haben. Er hat sich bereit erklärt, ihn die 150 Kilometer nach Claviere in die Berge zu fahren. Schon nach einigen Metern war klar, warum Sergio die weite Strecke so freudig auf sich nahm: Er fährt gerne Auto. Besonders gerne fährt er auf jenem gelben Streifen, der für den olympischen Transport reserviert ist. „Eigentlich fahre ich Porsche“, sagt Sergio, aber auch sein olympisches Auto schafft es auf 160 Stundenkilometer. Das Tempolimit auf Autobahnen in Italien liegt bei 130 Stundenkilometern. Die Fahrt in die Berge dauert zwei Stunden, was jedoch nicht an Sergio liegt. Sondern an den Staus in Turin und der Vollsperrung der Autobahn. So kann Sergio erzählen, dass er eigentlich Manager eines Konsortiums für Bau- und Lastkräne ist, ein Haus in Turin, ein Haus in den Bergen bei Bardonecchia und ein Haus am Meer in San Remo besitzt. Zurzeit arbeitet er täglich bis mittags in seiner Firma und hilft bis nachts bei Olympia aus. Warum? Er wolle den Besuchern seine Heimat näher bringen, sagt Sergio.

„Fahr’ ich zu schnell?“ Der Blinker blinkt, Sergio hupt, das Auto rast über den Mittelstreifen. „Nein“, lügt der Olympia-Berichterstatter.

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