Sport : Luft nach oben

Eine neue Führung im deutschen Verband will die Skispringer wieder an die Weltspitze bringen – und es gibt durchaus Anlass zur Hoffnung

Benedikt Voigt
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Hoffnungsvoll geflogen. Martin Schmitt sprang gestern in Pragelato auf Rang vier und erzielte damit das bislang beste...

Berlin – Besser hätte dieser Winter für das deutsche Skispringen nicht beginnen können. Zwei Wettbewerbe, zwei Siege, und natürlich führt der Doppelsieger des Deutschen Skiverbandes (DSV) auch den Gesamtweltcup mit der perfekten Punktzahl von 200 an. Die deutschen Springer sind schon jetzt für die Weltmeisterschaft in Liberec im Februar eindeutige Favoriten, Nationen wie Österreich oder die Schweiz müssen sich an ihnen orientieren. Horst Hüttel, Sportlicher Leiter der Abteilung Ski Nordisch im DSV, sagt: „Die Ergebnisse zeigen, dass wir sehr gut aufgestellt sind.“ Es muss noch ergänzt werden: im Frauen-Skispringen.

Bei den Männern sieht das alles etwas anders aus. Dort liegt ein Doppelsieg auf höchster internationaler Ebene, wie ihn Anna Häfele gerade in Park City erreicht hat, in weiter Ferne. „Bei den Männern ist noch Luft nach oben“, sagt Horst Hüttel, aber das ist nichts Neues. Sechs Jahre lang ist es bergab gegangen in seinem Verband. Deshalb hat der DSV im Februar in dem Österreicher Werner Schuster einen neuen Bundestrainer verpflichtet und Horst Hüttel zum neuen Sportlichen Leiter gekürt. Beiden obliegt vor allem eine Aufgabe: die Trendwende zu schaffen.

Gestern ist schon ein erster Schritt gelungen. Martin Schmitt wurde beim Nachtspringen in Pragelato (Italien) Vierter, Michael Uhrmann kam auf den sechsten Rang. Und die Saison ist erst drei Weltcupstationen jung. Auch ein dritter Platz im Teamspringen von Kuusamo gibt Anlass zur Hoffnung, aber der Deutsche Skiverband will in der Saison vor den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver vor allem gelassen bleiben. „Es ist zu früh, um klare Ziele für Vancouver zu formulieren, wir müssen abwarten, was bis dahin passiert“, sagt Horst Hüttel. Er hat als Sportlicher Leiter bei der Nordischen Kombination gesehen, wie viel Zeit nötig ist, um eine Sportart zurück in die Weltspitze zu führen. „Es hat drei, vier Jahre gedauert, bis wir zur Nummer eins geworden sind“, sagt Hüttel, „diese Zeit müssen wir dem Skispringen auch geben.“ Allerdings hat der Neuanfang in der Kombination nicht im Blickpunkt der Öffentlichkeit stattgefunden. Im Skispringen ist das anders.

Der öffentliche Druck ist höher, was es schwieriger macht, Ruhe zu bewahren. Da hilft es, für diese Saison zurückhaltende Ziele formuliert zu haben. „Wir haben eine Doppelstrategie“, erläutert Hüttel. Die etablierten Springer Martin Schmitt, Michael Neumayer und Michael Uhrmann sollen mehr Top-Ten-Platzierungen schaffen als in der vorigen Saison. Die jungen Springer Felix Schoft, Andreas Wank, Erik Simon und Severin Freund sollen sich verbessern und öfter unter die besten 30 springen. Höhere Ziele hat der Kreuzbandriss von Georg Späth zunichte gemacht. „Er hat im Sommer als einziger Springer mit Gregor Schlierenzauer und Simon Ammann mithalten können“, sagt Hüttel. Der Österreicher und der Schweizer dominieren bislang den Weltcup.

Doch es gibt noch einen Hoffnungsschimmer. In dieser Woche feierte Stephan Hocke einen Doppelsieg im Continental Cup, der Zweiten Liga des Skispringens. Pascal Bodmer und Julian Musiol machten einen Dreifacherfolg voll, anschließend gab es noch einen deutschen Doppelsieg. Die Ergebnisse zeigen zumindest, dass der DSV im Nachwuchsbereich etwas richtig macht. Unter dem abgelösten Bundestrainer Peter Rohwein hatte die Verbindung zwischen A- und B-Kader nur schlecht funktioniert. Unter dem neuen Bundestrainer Werner Schuster und dem B-Kader-Trainer Stefan Horngacher sei das anders, sagt Horst Hüttel.

Nach Pragelato und Engelberg wird das Skispringen beim ersten Wettbewerb der Vierschanzentournee in Oberstdorf verstärkt im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen. „Das ändert nichts an unseren Zielen“, sagt Horst Hüttel, „Weltcup bleibt Weltcup, Schanze bleibt Schanze, und unsere Gegner ändern sich auch nicht.“ Sein oberstes Bestreben ist auch in diesem Satz klar zu erkennen: Ruhe bewahren.

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