Sport : Luiz Felipe Scolari: Der dritte Mann

Frank Kohl

Als Vorbild hat er sich Gustavo Kuerten ausgeguckt, den brasilianischen Tennisstar und French-Open-Sieger: "Er trainiert hart, bereitet sich körperlich und geistig auf seine Herausforderungen vor, er definiert Strategien, hat Charisma, beweist Liebe für sein Land, und obendrein erledigt er seine Arbeit mit Spaß." Der da so redet, ist Luiz Felipe Scolari, der neue Nationaltrainer, der Brasilien wieder nach vorn bringen soll. Scolari gestattet sich zudem, von seinen Millionären eine Rückkehr zum "Amateur-Sportsgeist" zu fordern. Bei der Organisation orientiert er sich ausgerechnet am Erzrivalen Argentinien. Der Nationalkader soll aus einer "festen Gruppe zwischen 30 und 34 Spielern" bestehen, "aus dem die Spieler dann berufen werden" sollen. Und die Tugenden der brasilianischen Mannschaft unter Scolari sollen deutsch sein. Zuallererst soll die brasilianische Mannschaft kämpfen, dann spielen. Vielleicht so wie der FC Bayern, nicht nur, weil Elber gute Karten haben wird beim neuen Chef. Defensiv ausgerichtet sollen sie spielen, mit schnellen Vorstößen. Nicht schön, aber erfolgreich.

Nicht schön, aber erfolglos - so hatte es zuletzt ausgesehen. "Unterdurchschnittlicher, niveauloser Fußball ohne Ideen" und "erfolgloses Ballgeschiebe" nannte die Tageszeitung "O Estado de Sao Paulo" die von Scolaris Vorgänger Emerson Leao zu verantwortenden jüngsten Vorstellungen ihrer nicht mehr so innig geliebten Selecao. Nach dem Konföderationen-Cup, wo Brasilien nur gegen Kamerun gewann, musste Leao gehen. Er schaffte es nicht einmal mehr zurück bis nach Hause. Schon am Flughafen von Narita in Tokio erhielt er die fristlose Kündigung. In seiner achtmonatigen Amtszeit hatte Leao gerade mal drei der zehn Spiele gewonnen. Viermal gab es ein Unentschieden und dreimal ging die brasilianische Mannschaft als Verlierer vom Platz. Wenige Tage vor dem WM-Qualifikationsspiel in der Südamerikagruppe gegen Angstgegener Uruguay am 1. Juli stehen die brasilianischen Ballzauberer auf dem vierten Platz, der noch zur Teilnahme an der WM 2002 berechtigt. Die fünftplatzierte Mannschaft muss in einer Relegation gegen den Sieger der Ozeaniengruppe antreten. Und das ist aller Wahrscheinlichkeit nach Australien, das beim Konföderationencup bewies, wie man gegen den vierfachen Weltmeister gewinnt. Zu allem Übel beginnt am 11. Juli in Kolumbien die Südamerikameisterschaft.

Nach zwei Trainerwechseln innerhalb von acht Monaten gibt es keinen festen Kader mehr. Nun soll Scolari es richten, der in der brasilianischen Bevölkerung umstritten ist. Einerseits wird er bewundert. Andererseits schlägt ihm Misstrauen entgegen. Von seinen Mitspielern wird er verehrt, von Gegnern ehrfurchtsvoll "harter Hund" und "Sheriff" genannt. Die Presse bezeichnet ihn als "knallhart mit festen Bandagen". Zuletzt war Scolari Vereinscoach von Cruzeiro Belo Horizonte. "Felipao" hat die schwere Aufgabe übernommen, die ihm bereits vor acht Monaten schon angetragen worden war. Damals lehnte er es ab, die Nachfolge von Wanderley Luxemburgo anzutreten. Stattdessen ließ er Leao ins Verderben rennen.

Der heute 52-jährige Trainer Scolari gab früher mal den mittelmäßigen Vorstopper Scolari in unbedeutenden Mannschaften. Als Trainer aber ist der Sohn italienischer Einwanderer einer der ganz Großen. Seit 1987 sammelt Scolari nationale und internationale Titel. 1991 machte er auf sich aufmerksam, als ihm überraschend mit dem kleinen Provinzklub Criciuma der Gewinn des brasilianischen Pokals gelang. Danach folgten unter anderem Triumphe beim südamerikanischen Copa das Libertadores mit Gremio (1995) und Palmeiras (1999) sowie der Gewinn des Pokals und der brasilianischen Meisterschaft mit Gremio (1994 und 1996). Zwischendurch war er in Kuwait, Saudi-Arabien und Japan erfolgreich tätig.

Scolari, der 1999 zum Trainer des Jahres in Südamerika gewählt worden war, steht mehr für athletischen und taktischen und weniger für spielerischen Fußball. "Ich kann nicht versprechen, dass wir schön und ansehnlich spielen werden", sagt Scolari. "Aber wir werden unser Ziel, die Qualifikation für 2002, auf jeden Fall erreichen. Die brasilianische Mannschaft wird von nun an härter spielen."

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