Sport : Lukas Podolski

Wie der Kölner das Spiel gegen Tunesien erlebte

Michael Rosentritt

Die Begrüßung ist wie Köln – laut und liebevoll. Sie gilt ja auch einem von ihnen. Als der Stadionsprecher den Namen Lukas Podolski verliest, brüllen mehr als 44 000 Zuschauer im Kölner Stadion derart, als hätte er gerade Deutschland zum WM-Titel geschossen. Keine Frage, Köln ist seine Stadt. Ganz in der Nähe, in Bergheim, lebt er bei seinen Eltern. Hier wuchs der wuchtige Stürmer auf, nachdem er zwei Jahre alt war und die Familie Polen verlassen hatte. Beim Abspielen der Hymne zappelt Podolski mit den Beinen, dann hält er ein Schwätzchen mit seinem Nebenmann Sebastian Deisler. Nur nicht verkrampfen, werden ihm die Trainer gesagt haben vor seinem Heimspiel. So etwas kann auch zur Last werden.

Gleich zu Spielbeginn hat er ein paar gute Szenen. Nach 47 Sekunden nimmt der junge Mann mit der Rückennummer 20, wie sein Alter, den Ball mit der Hacke an. Sofort sind drei Tunesier da – Foul. Kurz darauf gewinnt Podolski einen Zweikampf und spitzelt den Ball auf Asamoah weiter, der allein auf das gegnerische Tor zuläuft – und hängen bleibt. Und in der fünften Minute wird er von seinem Gegenspieler Jaidi unsanft von den Beinen geholt. Die Zuschauer schreien entsetzt auf. Der Übeltäter sieht Gelb. Auf ihren Podolski lassen die Kölner nichts kommen. 24 Tore hat er für Köln geschossen. Nur deswegen ist der FC wieder aufgestiegen. Weshalb der „Kölner Express“ von der „Tor-Lok“ schrieb und sein Trainer Huub Stevens einwarf: „Wir sind nicht der FC Podolski“. Für die Kölner heißt er seitdem „Prinz Poldi“ und ist auf dem besten Weg, so etwas wie Willy Millowitsch, ein kölsches Idol, zu werden.

In der Folgezeit taucht Podolski unfreiwillig ab. Die deutsche Mannschaft hat Schwierigkeiten, das Spiel in die Hälfte der Tunesier zu verlagern. Nach einer präzisen Flanke Deislers kurz vor der Halbzeit steht Podolski plötzlich frei vor dem Torwart. Und er zeigt, wie er seine Tore zu schießen pflegt: eiskalt. Leider steht er im Abseits. Das Publikum feiert dennoch und singt: „Hurra, Prinz Poldi!“

Die zweite Hälfte soll besser werden. Den ersten Schuss feuert er aus 20 Meter Entfernung ab. Das ist ein Warnschuss für die Tunesier. Dieser Bursche kann richtig hart schießen. Als ihm aber in der 67. Minute ausgerechnet sein Freund Bastian Schweinsteiger den Ball von den Füßen nimmt, um selber zu schießen, pfeifen die Zuschauer. Podolski hatte besser zum Tor gestanden. Hinterher wird Podolski sagen: „Dafür muss mir der Schweini im nächsten Spiel einen auflegen.“

Podolski gibt nicht auf. Nur fünf Minuten weiter bedient er im Strafraum Michael Ballack, und weil der gefoult wird, gibt es Strafstoß. Den schießt der Chef selbst – und Tor. Deutschland führt.

Zehn Minuten vor dem Ende hat Podolski seinen besten Auftritt. Er nimmt im Halbfeld einen Pass von Deisler an. Podolski erfasst die Situation, macht eine Körpertäuschung und produziert einen Traumpass auf Schweinsteiger, der in die Gasse läuft und so allein vor dem Torwart steht – 2:0. Logisch, dass er sofort zu Podolski rennt, um sich für dieses Zuspiel zu bedanken. Das war das halbe Tor. So etwas wollen die Menschen sehen.

Das Spiel ist gelaufen. Bundestrainer Klinsmann will dem Stürmer noch einen passenden Abschied gönnen – er nimmt ihn fünf Minuten vor Ende vom Feld. Das Publikum erhebt sich aus den Sitzschalen und spendet Applaus. Lukas Podolski dreht sich zum Dank einmal um die eigene Achse und verlässt das Feld. Ziemlich zufrieden.

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