Sport : Lust am Leiden

Leverkusen diskutiert mal wieder über den Trainer, und Manager Calmund findet das ganz normal

Erik Eggers

Leverkusen. Am Ende einer seltsamen Pressekonferenz in der Bayarena stand Reiner Calmund im Pulk der Reporter, und aus seinem Gesicht sprachen Panik, Verzweiflung und Ratlosigkeit. Weil er sich nicht mehr sicher ist, diese Krise zu meistern? Der für das Sportliche verantwortliche Geschäftsführer von Bayer Leverkusen war doch noch gekommen, und nicht, wie vorher angekündigt, Sportdirektor Jürgen Kohler. Calmund trat als Feuerwehrmann an, einen gewaltigen Brand zu löschen, den er wieder einmal selbst gelegt hatte. „Thomas Hörster bleibt unser Trainer“, so begann Calmund sein Satz-Crescendo, derweil der Protagonist dieser hysterischen Debatte regungslos neben ihm saß. Und er erklärte sodann das nächste Kapitel aus diesem noch nicht abgeschlossenen Horror- Roman Bundesligasaison 2002/2003.

Diesmal ging es also um einen von Thomas Hörster provozierten Rücktritt als Trainer. Dieser war, wie Calmund bestätigte, am Sonntag in sein Büro gekommen, um mit ihm über die verheerende Art und Weise der 0:3-Niederlage seines Teams in Stuttgart zu sprechen. „Er wollte mit mir über den krassen Leistungsabfall reden“, berichtete Calmund, und in diesem Gespräch habe Hörster, weil er sich so sehr mit dem Verein identifiziere, „mir gegenüber Verständnis geäußert, wenn der Verein in dieser Situation die Reißleine ziehen würde“. Calmunds Reaktion: „Ich habe ihm gesagt, dass ich darüber mal eine Nacht schlafen möchte, um nachzudenken.“ Nach dem Morgentraining schließlich sei ein erweiterter Spielerrat auf eigene Initiative hin zusammengetreten: Ramelow, Butt, Bastürk, Balitsch, Nowotny, Kirsten, Schneider, Zivkovic und Neuville.

Jeder Einzelne davon habe sich, vermeldete Calmund stolz von diesem Meeting, „hundertprozentig für eine Weiterarbeit mit Hörster ausgesprochen“, obwohl „ein Spieler wie Bastürk ja am Anfang große Schwierigkeiten mit der harten Gangart des Trainers gehabt hat“. Deswegen, so Calmund ungewohnt knapp, „bin ich erleichtert, dass wir dieses Thema jetzt zu den Akten legen können“. Natürlich ergaben sich Anschlussfragen nach dem Warum zu dieser Gespensterdebatte um einen Trainer, der nun doch bleibt. Calmund wankte und schwankte bei diesen Fragen. Den Kontakt zu Udo Lattek etwa, der vom Kölner „Express“ und von „Bild“ als Trainer ins Gespräch gebracht worden war und den der neue Sportdirektor Jürgen Kohler als sein „großes Vorbild“ bezeichnet hatte, wollte er weder bestätigen noch dementieren. Auch schloss er auf Nachfrage eine Veränderung auf der Trainerposition in dieser Saison nicht grundsätzlich aus.

Und die eigentlich interessanteste Frage danach, wie förderlich eine solche Diskussion in dieser Situation sei, die schmeckte ihm gar nicht. „Es ist völlig legitim, dass der Trainer sich in Frage stellt“, sagte Calmund, „das spricht sogar für diesen Mann.“ Nochmalige Nachfrage: Ist nicht er, Calmund, dafür verantwortlich, dass diese Debatte überhaupt nach draußen dringen konnte? Der Manager findet nur, dass diese Diskussion nun „ein bisschen unnötig“ sei. Im Übrigen sei es ein Problem dieser Zeit, dass alles in die Medien komme, das könne man gar nicht verhindern.

Das klang verblüffend, viel defensiver als alles, was der selbstbewusste Mann sonst so von sich gibt. Calmund aber wird schon wissen, was er da losgetreten hat, schließlich gab er offen zu, dass er Thomas Hörster nicht daran gehindert habe, auch der Mannschaft seinen Rücktritt anzubieten. Als routinierter Medienprofi hätte er wissen können und müssen, dass ein solcher Vorgang doch sofort eine große Trainerdiskussion ergeben würde. Der sichtlich genervte Kapitän Carsten Ramelow jedenfalls forderte nach dem Morgentraining: „Irgendwann muss hier auch endlich mal wieder Ruhe einkehren. Es kann nicht sein, dass wir nach jeder Niederlage eine Trainerdiskussion haben.“

Vielleicht sorgt Calmund zur Abwechslung mal selbst für Ruhe. Es könnte notwendig sein – nach dem nächsten Spiel gegen Schalke.

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