Sport : Lust an der Last

Die deutschen Fußballer stehen im EM-Qualifikationsspiel gegen Island unter Druck – vielen Profis gefällt das

Stefan Hermanns,Michael Rosentritt

„Wir müssen von der Vorstellung wegkommen, dass es in Island nur Ponys, Geysire, Schafe und Wasserquellen gibt.“

Reiner Calmund, Manager von Bayer Leverkusen.

Von Stefan Hermanns

und Michael Rosentritt

Reinbek. Schloss Reinbek im Sachsenwald ist eine beliebte Hochzeitskulisse. Acht Brautpaare posierten gestern im Laufe des Vormittags vor dem Gebäude aus dem 16. Jahrhundert, um sich vor historischem Hintergrund für die Nachwelt fotografieren zu lassen. Heiraten ist offenbar ein gutes Geschäft in Reinbek. Der Betreiber des Schlossrestaurants wirbt schon jetzt für den „3. Reinbeker-Brautkleider-Ball“ Ende April 2004, und dem festlichen Anlass angemessen hatte auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) gestern seine höchstrangige Delegation ins Schloss gebeten: den Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder, Rudi Völler, den Teamchef der Nationalmannschaft, und deren Kapitän Oliver Kahn.

Die geballte Prominenz lässt immer auf höhere Aufgaben schließen. Heute (17 Uhr, live im ZDF) bestreitet die Nationalmannschaft in Hamburg gegen Island das entscheidende Qualifikationsspiel für die Europameisterschaft 2004, „eines der so genannten Finalspiele“, wie Kahn sagt. Bereits mit einem Unentschieden ist die Nationalmannschaft im Sommer 2004 in Portugal dabei. Verliert sie dagegen, dann muss sie im November zwei Ausscheidungsspiele gegen einen anderen Gruppenzweiten bestreiten – im schlimmsten Fall könnten dies Spanien oder Holland sein. „Da lauern viele kleine Gefahren“, sagt Kahn.

Die größte Gefahr besteht wohl darin, dass die Mannschaft verliert und damit all die positiven Entwicklungen wieder in Frage gestellt werden, die seit dem Debakel bei der EM 2000 zu beobachten sind. „Ich bin sicher, dass es nicht schief gehen wird“, sagt Mayer-Vorfelder. Der DFB-Chef steht damit stellvertretend für die herrschende Gemütslage. Völler verkündete am Tag vor dem großen Spiel, dass sich alle Spieler, auch die zuletzt angeschlagenen Michael Ballack, Carsten Ramelow und Oliver Neuville, einsatzfähig gemeldet hätten. Das große Ereignis will offensichtlich niemand verpassen.

Seit zwei Jahren geht die Mannschaft geradezu lustvoll an schwierige Aufgaben heran: seit sie sich im November 2001 in einer ähnlich kniffligen Situation gegen die Ukraine für die WM qualifiziert hat. „Es gibt viele, die diese Erfahrung schon gemacht haben“, sagt Kahn, „ich denke da nur an das Ukraine-Spiel.“ Doch von den elf Spielern, die vor zwei Jahren beim 4:1-Sieg in Dortmund in der Anfangself standen, werden in Hamburg nur noch vier auflaufen. Die mentale Stärke aber ist nicht an Personen gebunden; sie wird in der Nationalmannschaft wie eine genetische Prägung von Generation zu Generation weitergegeben. Oliver Kahn, Prophet der psychischen Stärke, hat die frohe Botschaft längst unter den jüngeren Spielern verbreitet: „Das sind die Spiele, die ihr braucht, in denen ihr größer werden könnt.“ Völler hat schon im Spiel gegen Schottland vor einem Monat festgestellt, dass die nachwachsende Generation auch extremen Belastungen standhalten kann. Zuvor hatte er noch einige Bedenken gehabt, vor allem wegen des Wirbels, den er mit seinem Wutausbruch nach dem 0:0 in Island ausgelöst hatte. Aber: „Das haben meine Spieler bravourös gelöst“, sagt Völler.

Bei Tobias Rau zum Beispiel hat der Teamchef registriert, „dass er viel selbstbewusster aufgetreten ist nach der Schottland-Erfahrung“. Und auch die beiden Stuttgarter Kevin Kuranyi und Andreas Hinkel haben zuletzt bei ihren Einsätzen in der Champions League Vergleichbares erlebt. „Voller Selbstvertrauen“ erwartet Kahn daher die Mannschaft. Dabei hält es Völler für „nicht ganz ungefährlich“, dass den Deutschen schon ein Unentschieden für die direkte Qualifikation reicht. Von seinen Spielern erwartet Völler, „dass sie ein gewisses Risiko eingehen“.

Mayer-Vorfelder hat im Mannschaftsquartier festgestellt, „dass sich da Spannung aufgebaut hat, deshalb bin ich sehr zuversichtlich“. Der Präsident ist „überzeugt, dass die Mannschaft einen überzeugenden Schlusspunkt setzt“. Mayer-Vorfelder wird deshalb nicht mal ins Stadion kommen. Er fliegt stattdessen zum WM-Finale der Frauen in die USA. „Leider war es unmöglich, beide Dinge miteinander zu verbinden.“

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