Sport : Lust an der Qual

Wie sich Armstrong immer wieder motiviert

Sebastian Moll

Paris - Wenn Lance Armstrong erklären soll, wer er wirklich ist, wirkt er verlegen. Sechsfacher Tour-de-France-Sieger, oder „bester Athlet der Welt“ – wie sein bester Freund und Mannschaftskamerad George Hincapie ihn nennt – solche Etiketten sind schnell ausgesprochen. Einen Kern treffen sie jedoch nicht. Eher schon die Frage nach seiner Motivation. Geld ist es nicht, da ist sich Armstrong sicher. Die Aussicht mit einem sechsten Sieg in die zahllosen Geschichtsbücher seines traditionsbewussten Sports eingetragen zu werden auch nicht. Was bleibt? Spaß – meint er. Radrennen zu fahren macht ihm Spaß, mehr denn je in seinem 13. Jahr als Profi.

In der Tat merkte man dem Champion bei der diesjährigen Tour das Fahrvergnügen an. Dreimal gewann er eine Etappe im Sprint – das hat er früher nie getan. „Ich liebe die Aufregung eines Sprints, die Intensität, das Adrenalin“, sagt er. Und das Gefühl, Mann gegen Mann die Gegner niederzuringen. Aber reicht das als Motivation, um sich 365 Tage im Jahr zu quälen, mehr, als sich jeder andere Radfahrer quält? Wahrscheinlich nicht. Allerdings gibt Armstrong zu, dass das Quälen ihm mindestens ebenso viel Spaß macht, wie das Fahren von Rennen. Wenn er von den Trainingslagern seiner Mannschaft US Postal erzählt, gerät der Boss ins Schwärmen. „Mit den Jungs acht Stunden lang bei Regen und Schnee durch die Berge zu fahren, wenn wir ganz unter uns sind und alle auf das große gemeinsame Ziel konzentriert, dann ist das für mich das Allergrößte. Wenn ich einmal aufhöre mit dem Rennfahren, dann wird es das sein, was ich am meisten vermisse.“

Dass harte Arbeit sich bezahlt macht, lässt sich in dieser Unmittelbarkeit in wohl kaum einem Bereich mehr so erleben wie im Sport. Das liebt auch Jan Ullrich an seinem Sport: Zu spüren, wie sich der Körper verändert, wie weit man sich selbst durch Training bringen kann, das, findet Ullrich, sei das Schöne an seinem Beruf. Für seinen Erfolg geliebt zu werden ist indes bestimmt kein Antrieb von Lance Armstrong. Schon seit Jahren betont er, dass für ihn die Tour de France kein Beliebtheits-Wettbewerb sei. Wenn das Publikum ihn mag, dann sei das schön. Wenn nicht, dann koste es ihn auch nicht den Nachtschlaf. „Wenn die Wahl ist, Zweiter zu werden und beliebt zu sein oder zu gewinnen und ausgepfiffen zu werden“, sagt er, „dann nehme ich lieber ein paar Pfiffe in Kauf.“ Der Erfolg an sich, glaubt Lance Armstrong, mache unbeliebt. „Jacques Anquetil war der größte Radfahrer Frankreichs“, sagt Armstrong, „und der wurde auch immer ausgepfiffen.“ Der ewige Zweite Raymond Poulidor sei hingegen bis heute der Liebling der Nation. „Ich bin also in bester Gesellschaft.“

Armstrong hat sich vor langer Zeit entschieden, dass er es den Leuten ohnehin nicht recht machen kann. Deshalb macht er, was er will. Als er 2000 eine großzügige Geste versuchte und Marco Pantani einen Etappensieg schenkte, wurde ihm das als Überheblichkeit angelastet. Großzügig zu sein hat Armstrong keine Sympathie eingebracht. Und keinen Spaß gemacht. Zu dominieren, zu beherrschen macht ihm aber schon Spaß. Seit Sonntag ist er vielleicht der größte Radrennfahrer aller Zeiten. Aber das ist ihm nicht wichtig. Es passt ihm nicht mal besonders gut in den Kram. Denn nun muss er sich dafür rechtfertigen, dass er noch einmal die Tour gewinnen will.

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