Sport : Lust auf Tore

Die deutschen Fußballer zeigen beim 13:0 in San Marino Charakter

Michael Rosentritt[Serravalle]

Gegen Mitternacht stand Jens Lehmann unter einer Pinie und machte ein Gesicht, als sei Furchtbares passiert. Ob er sauer sei, weil er kein Tor erzielt habe, wurde er gefragt. Jens Lehmann schmunzelte. Was in erster Linie daran lag, dass einem Torhüter selten eine solche Frage gestellt wird. Aber was war an diesem Länderspiel schon normal? 13:0 siegte die deutsche Nationalmannschaft im EM-Qualifikationsspiel in San Marino. Beinahe jeder deutsche Spieler erzielte ein Tor, und auch Jens Lehmann war ganz nah dran. Wie es aber dazu kam und warum nicht auch noch der deutsche Torhüter ein Tor gegen die Gelegenheitsfußballer der kleinen, von Italien umschlossenen Republik schießen durfte, das war das einzige Spannende an diesem lauschigen Sommerfußballabend.

Es waren nur noch wenige Minuten zu spielen, als der türkische Schiedsrichter Yildirim Bülent plötzlich auf Elfmeter für die Deutschen entschied. Ein Dutzend Tore hatte die Mannschaft von Bundestrainer Löw zu diesem Zeitpunkt bereits erzielt, weshalb die vielen deutschen Fans im Stadion von Serravalle lautgewaltig den Torwart als Elfmeterschützen forderten. Auch Lehmanns Mitspieler hatten offenbar Gefallen an diesem Gedanken gefunden, sodass sie ihn ebenfalls ermunterten. Lehmann also stürmte aus seinem Tor und wollte den Strafstoß ausführen. Hinterher erzählte er, dass er schon auf dem Weg nach vorn ein „komisches Gefühl“ gehabt habe. Denn das, was sich da anbahnte, gefiel den sanmarinesischen Spielern, ja selbst dem Schiedsrichter nicht. Sie sprachen Lehmann an und baten um „Fairplay“. Denn dass auch noch der gegnerische Torwart ein Tor erzielt, nein, das wäre für sie eine zu große Demütigung gewesen. Lehmann ließ ab von seinem Vorhaben und überließ Bernd Schneider die Angelegenheit.

Um diese kleine Begebenheit sponnen sich im Anschluss an das Spiel die merkwürdigsten Geschichten. Eine handelte davon, dass Jens Lehmann sich nicht sicher war, wie es zum Zeitpunkt des Strafstoßes stand. Jedenfalls soll ihm einer seiner Mitspieler gesagt haben, dass Deutschland 12:0 in Führung liege. So soll Jens Lehmann angeblich aus abergläubischen Erwägungen darauf verzichtet haben, das 13. Tor zu schießen. Zumindest der erste Teil dieser kühnen Darstellung lag im Bereich des Möglichen. Der Mönchengladbacher Marcell Jansen etwa war nicht immer auf der Höhe. „Ich wusste nicht immer, wie es steht“, erzählte der Verteidiger. Oliver Bierhoff, in seiner Funktion als Manager stets um das Image der Nationalspieler bedacht, sprach von der „Größe“, die Jens Lehmann gezeigt habe, sonst „wäre es hier wohl ein Jo-Jo-Spiel geworden“.

Auch ohne Lehmanns Dazutun ist es aber genau das gewesen, ein Jo-Jo-Spiel. „Das war eine sehr gute Trainingseinheit“, sagte Joachim Löw. Man habe einen heillos überforderten Gegner „nach Belieben laufen lassen“, viele Erkenntnisse aber könne man aus diesem Spiel nicht ziehen. „Wir wollten eine Gewinnermentalität an den Tag legen und viele Tore erzielen. Genau das ist uns gelungen. Für die, die hier getroffen haben, war es toll.“

Für Jens Lehmann war der Abend nicht ganz so toll. Zwischen dem dritten und vierten Tor hatte der deutsche Torsteher mit einem sehr heimtückischen Feind zu kämpfen – der Langeweile. Da das Spiel in der Hälfte des Gegners stattfand, bat Lehmann einen hinter seinem Tor postierten Balljungen, mit ihm zu spielen. Lehmann hatte sich neben sein Tor gestellt und, mit dem Rücken zum Spielfeld gerichtet, kickte er mit dem Balljungen einige Male hin und her. Gut, dass die sanmarinesischen Spieler den Kopf voll hatten und anderweitig beschäftigt waren. Für Lehmanns Einlage mit dem Balljungen hätten sie vermutlich wenig Verständnis gehabt.

Den Vergleich mit einer besseren Trainingseinheit wollte Philipp Lahm so nicht stehen lassen. „Bei uns ist es im Training härter“, sagte der Verteidiger, „da geht es anders zur Sache, weil es um Plätze und Einsätze geht.“ Ob er so etwas wie Bedauern empfindet? „Was heißt Bedauern, die Fans, die hier waren, wollen doch eine gute Leistung über 90 Minuten sehen.“ Dann komme eben mal so etwas wie ein 13:0 dabei heraus.

„Das war eher ein Charakterspiel“, sagte Manager Oliver Bierhoff. Die Mannschaft habe sich gewillt präsentiert, sie habe Spaß und Freude vermittelt, vor allem aber „hat sie das Spiel nicht verschludert“, wie es einige deutsche Mannschaften in der Vergangenheit getan hätten. Dann kam noch Lukas Podolski äußerst vergnügt des Wegs. Vier Tore in einem Länderspiel erzielt man nicht jeden Tag, beim FC Bayern läuft es für den Stürmer bisher noch nicht ganz so gut. Am Samstag geht es mit den Münchnern im DFB-Pokal zu einem Regionalligisten nach Hamburg. „Ich fühle mich immer besser“, sagte Lukas Podolski, aber Vorsicht, bedeutete er und sprach: „St. Pauli ist nicht San Marino.“

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