Sport : Lust zur Qual

Die siebenmalige Kanu-Olympiasiegerin Birgit Fischer versucht ein Comeback für Olympia 2004: mit 41 Jahren

Hartmut Moheit

Berlin. „Erst einmal ankommen“, sagt Birgit Fischer. Die 41-Jährige sitzt gemeinsam mit dem Kanu-Cheftrainer Josef Capousek in der Gaststätte „Seekrug“ der Potsdamer Rudergesellschaft und ist von 600 Kilometern auf der Autobahn geschlaucht. Gerade ist sie aus Mannheim zurückgekehrt. Fischer bestellt ein gespritztes Bier für sich und ihren Begleiter. „Im Prinzip warte ich noch auf den entscheidenden Anruf“, sagt die siebenmalige Kanu-Olympiasiegerin, „für ein Comeback reicht mein Wollen allein nicht aus.“ Doch aus der Betonung dieser Worte und ihrem Gesichtsausdruck ist zu entnehmen, dass ihre Entscheidung eigentlich längst gefallen ist.

Gestern bestätigte es auch der Deutsche Kanu-Verband: Birgit Fischer wird ihr Comeback geben. Die mit sieben Olympiasiegen und 27 Weltmeistertiteln international erfolgreichste deutsche Sportlerin möchte 2004 in Athen ihre sechsten Olympischen Spiele bestreiten. Jene Frau, die 1992 in Barcelona, wie sie sagt, „nach drei Jahren des sportlichen Nichtstuns“ sofort Olympiasiegerin im Einer wurde. Es ist auch jene Frau, die von sich sagt: „Praktisch bei jeder Pfütze juckt es mir schon in den Händen.“

Heute, auf einer Pressekonferenz in Berlin, wird sie ihr Comeback offiziell verkünden. „Wenn ich das einmal gesagt habe, dann gibt es bei mir bestimmt kein Jein mehr. So habe ich es immer gehalten“, sagt die Kanutin, die momentan noch arbeitslos ist. „Parallel dazu möchte ich mir eine Firma für Kanu-Tourismus aufbauen“. Alles müsse hundertprozentig abgesichert sein. „Dann schaffe ich das auch“, sagt Birgit Fischer. Nach 21 Jahren im Paddel-Geschäft weiß sie, worauf es nach der Pause von zweieinhalb Jahren ankommt. „Sport ist Quälerei, aber ich habe viele Signale bekommen, dass man mich akzeptieren würde. Dann lohnt es sich doch noch einmal.“ Josef Capousek ergänzt: „Es ist ja alles nur für zehn Monate.“

Außerdem sagt Birgit Fischer: „Ich habe richtig Lust, mich mal wieder zu quälen. Ich müsste nur mal damit anfangen.“ Ihre Kinder Ole, 17, und Ulla, 14, sehen ihr Comeback praktisch. „Sie unterstützen mich, weil sie dann mehr Freiräume für sich wittern.“

Erst in diesem Sommer hatte Birgit Fischer die drei Mitstreiterinnen aus dem Goldvierer von Sydney, Anett Schuck, Katrin Wagner und Manuela Mucke, zu sich nach Bollmannsruh eingeladen. Mucke und Wagner hatten sich mit Bundestrainer Detlef Hummelt angelegt, und prompt kam das wichtigste Boot nicht mehr richtig in Fahrt. Capousek glaubt zu wissen, was die erfahrenen Kanutinnen gedacht haben: „Sie werden sich sagen, dass mit Birgit Fischer zumindest der Erfolg garantiert war, und nur darum geht es letztlich in Athen.“ Dass die alte Geschichte von der persönlichen Abneigung zwischen Fischer und der mittlerweile aus Australien zurückgekehrten Katrin Borchert, wieder belebt werden könnte, glaubt Fischer nicht. Sie erzählt, dass Katrin Borchert Frieden mit ihr geschlossen habe. Außerdem seien beide jetzt viel reifer als damals. „Ich beschäftige mich nicht mit Problemen, die es nicht gibt.“

Überzeugen kann Birgit Fischer ohnehin nur durch Top-Leistungen. Davon ist sie momentan noch weit entfernt. „Vorige Woche war ich mal für eine halbe Stunde auf dem Wasser, aber das war bisher alles“, sagt Birgit Fischer. Alles wird auf dem Wasser entschieden, bei den nationalen Ausscheidungen für Olympia im April in Duisburg. „Der Streit geht ohnehin erst los, wenn der Vierer besetzt wird“, sagt Capousek. Er hofft, dass sich Birgit Fischer dafür sicher qualifizieren kann. „Wenn zwei Sportlerinnen etwa gleich gut sind, heißt das noch lange nicht, dass der Vierer mit beiden harmoniert.“ Das sind seine Erfahrungen. „Aber mit Birgit hat es immer geklappt, das wissen alle.“

Capousek weiß auch, dass ein Comeback viel Mut verlangt. „Den Mut an sich selbst zu glauben, den eben andere nicht haben.“ Birgit Fischer soll die anderen im deutschen Team antreiben. Dann zeigt er auf die Uhr, denn in Potsdam wartet am Abend der nächste Termin. Der feine Zwirn hängt noch im Auto. Der Stress wird so schnell nicht mehr abklingen.

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