Lutz Fröhlich über Lars Stindls Handtor : "Es war ein absichtliches Handspiel"

Über das Handtor von Borussia Mönchengladbach in Ingolstadt ist viel diskutiert worden. Schiedsrichter-Chef Fröhlich sagt: Es hätte nicht zählen dürfen.

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Zurückhaltender Jubel: Lars Stindl (rechts) wusste schon, dass mit seinem Tor etwas nicht stimmte.
Zurückhaltender Jubel: Lars Stindl (rechts) wusste schon, dass mit seinem Tor etwas nicht stimmte.Foto: dpa

Herr Fröhlich, sind Sie froh, dass Sie beim Spiel FC Ingolstadt gegen Borussia Mönchengladbach nicht als Video-Assistent im Einsatz waren?

Was heißt froh? Man muss das Thema Video-Assistent ja grundsätzlich positiv sehen, weil es auf Lösungen ausgerichtet ist. Gerade für solche Fälle wie das Handtor von Lars Stindl. Ich glaube, dass man mit dem Videobeweis zumindest eine Chance gehabt hätte, in dieser Situation auch zu einer anderen Lösung zu kommen.

Was hätten Sie als Video-Assistent dem Schiedsrichter denn empfohlen?

Ich hätte dem Schiedsrichter mitgeteilt, dass ich bei Ansicht der Fernsehbilder deutlich eine aktive Bewegung des Armes zum Ball wahrgenommen habe und dass der Schiedsrichter sich die Szene doch bitte noch mal in der Review-Area ansehen möge.

Das heißt: Sie hätten ihm empfohlen, das Tor nicht zu geben?

Es ist die ewige Diskussion um Absicht oder Nicht-Absicht, die sich an dieser Situation noch einmal entfacht hat. Das Problem ist immer die Detailanalyse. Aber wenn man den Vorgang auf das Wesentliche reduziert – manchmal ist weniger mehr –, dann kommt man einfach zu der Erkenntnis, dass man eine aktive Bewegung mit dem Arm zum Ball wahrnimmt. Regeltechnisch sollte man dann eher von einem strafbaren Handspiel sprechen. Es ist jedenfalls äußerst schwer zu vermitteln, dass ein solches Handspiel nicht absichtlich ist. Das ist auch etwas anderes als das Handspiel im zweiten Sonntagsspiel zwischen Schalke und Hoffenheim, als der Schalker Spieler seinen Arm ganz deutlich aus der Schusslinie nimmt und den Ball dann doch an die Hand bekommt.

Es war aber auch zu lesen: Die Regelauslegung des DFB sieht vor, wenn der Ball von einem anderen Körperteil abpralle, liege keine Absicht vor.

Solche Kriterien sind Hilfen und Hinweise für den Schiedsrichter, die er aber situationsgerecht verarbeiten muss. Wenn der Ball von einem Körperteil abprallt und gegen die Hand geht, die Hand aber nicht in der ursprünglichen Flugbahn des Balles war, dann spricht vieles für ein unabsichtliches und damit nicht strafbares Handspiel. Aber letztlich muss der Schiedsrichter im Einzelfall entscheiden, ob es wirklich so war.

Der Berliner Lutz Fröhlich ist seit dem vergangenen Jahr Schiedrichter-Chef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).
Der Berliner Lutz Fröhlich ist seit dem vergangenen Jahr Schiedrichter-Chef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).Foto: dpa

Lars Stindl selbst hat gesagt: „Es war nicht astrein, aber auch kein Regelverstoß.“ Hört sich paradox an, trifft es aber ganz gut.

Er hat auch von Reflexen gesprochen. Das heißt, er hat reflexartig den Arm zum Ball geführt. Deshalb wäre eine Befragung des Spielers durch den Schiedsrichter schwierig gewesen. Spieler und Schiedsrichter wären ja schnell übereingekommen, dass der Ball an der Hand war. Aber die Frage der Absicht kann man im Dialog nur schwer klären. Es sei denn, wir haben so einen Fall wie vor einem Jahr im Spiel Köln gegen Hannover, als der Spieler Andreasen von vornherein nichts anderes versucht hat, als den Ball mit der Hand ins Tor zu bugsieren. Aber bei Lars Stindl glaube ich nicht, dass er im Gesamtvorgang unbedingt mit der Hand ins Tor bugsieren wollte.

Stindl hat beim Torabschluss die Augen geschlossen. Ist das für Sie ein Indiz dafür, ob es Absicht war oder nicht?

Das ist eben das Problem der Detailanalyse. Es gibt für beide Ansichten – Absicht oder nicht – Hinweise aus dem Ablauf der Situation. Diese Diskussion könnte man fast ins Unendliche weiter führen – und jeder hätte irgendwie Recht. Aber noch mal: Ich finde, wenn man den Vorgang darauf reduziert, dass es in diesem Ablauf eine aktive Bewegung mit dem Arm zum Ball gegeben hat, bleibt am Ende nur die Erkenntnis, dass es sich regeltechnisch um ein absichtliches und damit strafbares Handspiel gehandelt hat. Aber ich bin mir durchaus bewusst, dass es auch andere Auffassungen gibt. Trotzdem ist es schwer zu vermitteln, wenn man hier sagt: Dieses Handspiel war nicht strafbar, das Tor ist korrekt.

Wie hat sich Schiedsrichter Christian Dingert zu der Situation geäußert?

Die Situation war für ihn im Spiel sehr schwer zu bewerten. Das ist für mich auch nachvollziehbar, weil das Handspiel auf der ihm abgewandten Seite erfolgt ist. Es ist wohl so: Man hat so eine Ahnung von dem, was passiert ist, aber keine konkrete Wahrnehmung. Deswegen hat Christian Dingert kein absichtliches Handspiel erkennen können. Nach Betrachten der TV-Bilder, vor allem aus der Hintertorkamera, aber ist er zu der Ansicht gelangt, dass er anders entschieden hätte.

Es widerspricht auch dem allgemeinen Empfinden, dass man im Fußball Tore mit der Hand erzielen darf.

Da ist sicher etwas dran. Ich habe in den Diskussionen nach dem Spiel auch schon den Vorschlag gehört, dass Tore mit der Hand, egal ob absichtlich oder unabsichtlich erzielt, nicht zählen dürfen. Der Vorschlag ist zumindest interessant.

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