Sport : Luxusprobleme und kein Geld

Bei den Eiskunstlaufweltmeistern Szolkowy/Sawtschenko läuft fast alles perfekt – bis auf die Finanzen

Frank Bachner

Berlin - Eigentlich ist ihm Montag zu früh, Ingo Steuer wäre gern erst am Dienstag geflogen. Aber am Montag sind Tickets nach Tokio billiger, damit ist das Thema erledigt. Kostenlos fliegen nur seine Athleten, der Eislauf-Weltverband ISU hat Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy zum Grand-Prix-Finale im Eiskunstlauf eingeladen. Immerhin sind sie zweimalige Paarlaufweltmeister. Aber der Mann, der sie dazu geformt hat, der Trainer Steuer, der bezahlt bei Wettkämpfen alles selbst. So ist das festgelegt vom Bundesinnenministerium, das den Sport mitfinanziert, und der Deutschen Eislauf-Union (DEU). Steuer war eben auch der Stasi-Spitzel „IM Torsten“. Seine Kosten nimmt er im Moment eher gelassen hin. Diesen Brief aber nicht. „Eine Frechheit“, sagt Steuer.

Der Brief kam Ende Oktober von DEU-Präsident Dieter Hillebrand, und der Herr Präsident hatte eine schlechte Nachricht. Steuer und sein Paar müssen auf Geld verzichten. DEU und Sportler hatten sich mal darauf geeinigt, dass das Paar die Einnahmen aus Schaulaufen komplett behalten darf. Die übliche Verbandsabgabe, zehn Prozent der Gesamtsumme, entfällt. Von dem eingesparten Geld sollten Szolkowy und Sawtschenko ihren Trainer bezahlen.

Aber in dieser Saison fällt die ARD-Gala aus, der DEU brechen deswegen Einnahmen weg, die zehn Prozent werden jetzt doch benötigt. „Wir hoffen, Sie haben Verständnis dafür. Freundliche Grüße, Dieter Hillebrand“ steht in dem Brief. Verständnis? Ausgerechnet jetzt, in einem Olympiajahr? „Die DEU ist so etwas von undiplomatisch“, sagt Steuer ungehalten.

Steuer sagt, sie brauchen das Geld. „Wir haben 30 Prozent Sponsorengelder verloren. Wegen der Wirtschaftskrise.“ Aber der Brief ist vor allem ein Störfaktor für ihre Mission. Olympiasieg in Vancouver, das ist der Plan von Ingo Steuer und seinem Weltmeister-Paar. Olympiasieg 2010, das bedeutete auch die Chance auf gute Sponsorenverträge.

Der sportliche Störfaktor bei dieser Mission heißt Xue Shen/Hongbo Zhao. Der Kampf um Gold, das ist das Duell mit den dreimaligen Paarlaufweltmeistern aus China. Am nächsten Wochenende treffen sie erstmals in dieser Saison aufeinander, in Tokio, beim Grand-Prix-Finale. „Wir sind gespannt“, sagt Steuer. Die Chinesen sicherten sich beim Grand Prix in Peking 200,97 Punkte, Szolkowy/Sawtschenko antworteten in Kitchener, beim Grand Prix in Kanada, mit 206,54 Punkten. Weltbestleistung. „Das macht mich ein bisschen stolz“, sagt Steuer.

Das klingt wie ein typischer Steuer-Satz. Nur keine übertriebene Euphorie. Aber man muss diesen Satz übersetzen. Der Stolz bezieht sich nicht bloß auf die reine Punktzahl. Ingo Steuer hat sein Weltmeisterpaar zu einem abrupten Wechsel gezwungen. Neue Musik, neue Choreographie, alles mitten in der Saison. Beim Grand Prix in Paris liefen sie noch zur Fußball-Hymne „You’ll never walk alone“. Sie patzten, Steuer sah, „dass die beiden mit dieser Kür überfordert waren“. Für ihn „ein Schock“. Noch auf dem Rückflug entschied er sich für eine neue Musik, „Jenseits von Afrika“, und eine neue Choreographie.

Die grobe Version dieser neuen Kür hatte er bereits seit längerem im Kopf. Am nächsten Morgen legte er die neue Filmmusik ein und erlitt „den nächsten Schock“. Szolkowy/Sawtschenko weigerten sich schlichtweg, zu dieser Musik zu laufen. Sie legten eine eigene Musik auf, liefen, doch nach einer Stunde brach Steuer den Versuch ab. „Untauglich“, entschied er. Mühsam überzeugte er die beiden dann von „Jenseits von Afrika“. Innerhalb weniger Wochen studierten Szolkowy/Sawtschenko ihre neue Kür zur eher ungeliebten Musik ein, so perfekt, so ästhetisch, dass sie in Kanada die Preisrichter bezauberten. Zum ersten Mal in der fünfjährigen Geschichte des neuen Wertungssystems gab ein Juror die Höchstpunktzahl 10.

Jetzt kann’s nur noch um Feinheiten gehen. In ein paar Details will Steuer die Kür noch verbessern. Ein Luxusproblem. Jedenfalls verglichen zu einem zentralen Problem der DEU: Der Verband hat sich verpflichtet, seinem Weltmeister-Paar bis Saisonende Sponsorengelder in Höhe von 250 000 Euro zu verschaffen. Bis jetzt haben Szolkowy/Sawtschenko davon keinen Cent gesehen.

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