Sport : Mach mal Pause

Nach der Vierschanzentournee gibt Bundestrainer Reinhard Heß offen zu: Wir haben unsere Ziele verfehlt

Benedikt Voigt

Bischofshofen. Während sich die Aufmerksamkeit bei der abschließenden Pressekonferenz der Vierschanzentournee noch auf den Österreicher Andreas Kofler richtete, widmete sich Sven Hannawald seiner Ernährung. Mal nippte der Skispringer auf dem Podium an einer blauen Wasserflasche, mal nahm er einen Schluck aus seiner roten Trinkflasche. Zwischendurch kratzte er hingebungsvoll auch den letzten Krümel von einem Pappteller, auf dem zuvor ein Stück Kuchen gelegen hatte. Als Sven Hannawald schließlich über seine aktuelle körperliche Verfassung Auskunft geben sollte, antwortete er: „Der erste Hunger ist gestillt.“

Das gilt auch für die Abteilung Skispringen im Deutschen Skiverband (DSV). Die 51.Vierschanzentournee hat den ersten Hunger nach Erfolgen gestillt, satt aber machte sie niemanden. Der zweite Platz von Sven Hannawald hinter Tourneesieger Janne Ahonen täuscht darüber hinweg, dass sich alle anderen deutschen Skispringer in dieser Saison schwer tun. „Die Zielsetzung unserer Mannschaft wurde nicht erfüllt“, sagte Bundestrainer Reinhard Heß, „wir haben es nicht geschafft, zwei weitere Athleten unter den ersten 15 zu platzieren.“ Neben Sven Hannawald rutschte nur Georg Späth mit Rang 14 in jene Zone des Gesamtklassements, die den Bundestrainer glücklich macht. „Der Späthi hat gezeigt, dass er absolut dazugehört“, sagte Heß. Folglich gehört Martin Schmitt momentan nicht dazu. Das wird auch die Meldeliste für das Weltcupspringen am Wochenende in Liberec, Tschechien, demonstrieren. Schmitt wird dort nicht starten, sondern stattdessen ein zweiwöchiges Aufbautraining absolvieren.

„Mir fehlen die Grundlagen vom Sommertraining“, sagte Martin Schmitt, der im Gesamtklassement auf den 20. Platz kam. Er hatte in Oberstdorf mit einem vierten Platz sehr gut begonnen, doch in Garmisch-Partenkirchen verfehlte er den zweiten Durchgang der besten 30 Springer. Schmitt hatte wegen einer Knieoperation vor der Vierschanzentournee erst zwei Wettbewerbe absolvieren können. „Wir sind das Risiko bewusst eingegangen, ihn zu bringen“, sagte Heß, „aber es ist nicht aufgegangen."

Bis zur Nordischen Ski-Weltmeisterschaft in Val di Fiemme soll der Mannschaftsolympiasieger von Salt Lake City wieder zu Spitzenleistungen fähig sein. Zwei Medaillen gibt Reinhard Heß als Ziel für die Ski-WM vor: eine mit der Mannschaft und eine in den beiden Einzelspringen. Damit wäre das Ergebnis von den Olympischen Spielen in Salt Lake City wiederholt, als Sven Hannawald Silber auf der Normalschanze gewann und die Mannschaft Gold holte. Letzteres dürfte bei der Ski-WM jedoch nur schwer gelingen, zu deutlich dominierte das österreichische Team bislang diesen Winter. Unter den besten zehn Springern der Vierschanzentournee befinden sich fünf Österreicher.

Kameras in der Holzhütte

Ohnehin ist manches anders als im vergangenen Jahr. Stephan Hocke, der in Salt Lake City mit der Mannschaft Gold holte, sprang bei der Tournee so schwach, dass ihn die Trainer nach Garmisch-Partenkirchen aus der Tournee nahmen. Der dritte Platz in der Mannschaftshierarchie hinter Sven Hannawald und Martin Schmitt ist immer noch nicht vergeben. Nach seinen dritten und zweiten Plätzen von Trondheim schien diese Rolle Michael Uhrmann zu gehören. Doch das war vor der Vierschanzentournee, die der 24-Jährige auf Platz 18 beendete. „Michael Uhrmann hat leider einen Formknick erlitten“, sagte Heß. „Es liegt bei ihm nur an Kleinigkeiten, die aber riesige Auswirkungen haben.“ Es war auch für den Cheftrainer eine anstrengende Tournee. Kotrainer Wolfgang Steiert hatte für Aufregung gesorgt, weil er erneut seine Ambitionen auf den Bundestrainerposten anmeldete. Das Thema ist nun auf das Frühjahr verschoben.

Nach dem Springen in Bischofshofen kritisierte Heß den slowenischen Assistenten der Rennleitung, der Hannawald wegen zu günstigen Windes nicht in die Spur gelassen hatte. „So etwas ist ihm noch nie passiert“, schimpfte der Bundestrainer, „das ist ein gestohlener Sieg.“ Und mit dem Skiweltverband Fis wollte Heß auch noch reden. „Was in der Athletenzone für fremde Leute rumgelaufen sind, war für die Springer nicht förderlich.“ Er dürfte die RTL-Mitarbeiter gemeint haben, die in diesem Jahr selbst in Holzhütten und Container filmten, in denen sich die Springer vorbereiteten. Schon vor der Tournee hatte Heß zugegeben, dass ihm der neue Medienrummel nicht liegt. „Vor drei Jahren fand ich es schrecklich, das gebe ich ehrlich zu“, hatte Heß gesagt. Nun hat er endlich seine Ruhe wieder. Bis zum nächsten Jahr.

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