Macher der ersten Stunde : Sportfunktionär Herbert Kunze gestorben

Der frühere Sportfunktionär Herbert Kunze ist tot. Der deutsche Chef de Mission bei mehreren Olympischen Spielen starb im Alter von 98 Jahren in München.

Michael Fox[dpa]
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Mahner und Pragmatiker: Herbert Kunze -Foto: dpa

MünchenDer Zirkus Spitzensport mit seinen Doping-Auswüchsen war ihm schon vor Jahrzehnten ein Dorn im Auge, dennoch blieb er dem Sport Zeit seines Lebens verbunden. Zwei Monate vor seinem 99. Geburtstag ist der langjährige deutsche Sportfunktionär und das Gründungsmitglied des früheren Nationalen Olympischen Komitees (NOK), Herbert Kunze, in München gestorben. Der 98-Jährige sei "friedlich eingeschlafen", berichtete seine Stieftochter Mokka Müller. Kunze soll am Freitag in München beigesetzt werden.

Mit Willi Daume und Josef Neckermann gehörte Kunze nach dem Zweiten Weltkrieg der Generation der ersten Stunde im deutschen Sport an. Mehr als 40 Jahre lang stand der Jurist dem inzwischen aufgelösten Deutschen Eissport-Verband (DEV) vor, dem Dachverband des deutschen Eissports. 1952 führte er als Chef de Mission das deutsche Olympia-Team zu den Winterspielen in Oslo - nach einigen Geburtswehen: "Sind wir eingeladen?", habe ihn Konrad Adenauer gefragt, erinnerte sich Kunze. Als er bejaht habe, habe der Bundeskanzler grünes Licht für die Olympia-Teilnahme gegeben: "Dann fahren wir auch."

Pragmatiker mit "Berliner Schnauze"

Insgesamt vier Mal war Kunze fortan Chef de Mission der deutschen Olympioniken - auch beim schwierigen Auftritt der gesamtdeutschen Mannschaft 1960 in Squaw Valley. Für die Heimspiele 1972 in München wurde der Pragmatiker, der in zweiter Ehe mit der Tochter des legendären Motorsportlers Ernst Henne verheiratet war, zum Generalsekretär des Organisationskomitees berufen. Prompt siedelte er an die Isar über und prägte durch seine jahrelange Arbeit das Gesicht der Sommerspiele 1972 entscheidend mit.

"Der Spitzensport von heute bewegt sich auf die Artistik zu. Im Zirkus fragt keiner bei Spitzenleistungen danach, ob er gedopt ist oder nicht", warnte der gebürtige Berliner früh vor den Gefahren der zunehmenden Kommerzialisierung des Sports. Die Aufnahme von Tennis ins olympische Programm war in seinen Augen ein großer Fehler, mit seiner "Berliner Schnauze" kritisierte er die Aufgabe des olympischen Vier-Jahres-Rhythmus als "dümmsten Quatsch", der nur dem besseren Geschäft diene. Doch trotz aller Distanz zu manchen Neuerungen blieb Kunze stets ein Anhänger der olympischen Bewegung: "Wo gibt es eine Bewegung im Sport, die so hundertprozentig alle Völker erfasst, mit Begeisterung erfasst, und die Jugend der Welt erfasst?"

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