Machtspiele : Bei Hertha geht nichts mehr ohne Favre

Manager Dieter Hoeneß kann sich nicht mehr durchsetzen. Kommende Woche gibt Hertha die Entscheidung bekannt, wann er gehen muss. Zu oft gab es Streit mit Trainer Lucien Favre.

Sven Goldmann
Hertha BSC Berlin - FC Schalke 04
Der Chef. Trainer Favre hat sich durchgesetzt.Foto: ddp

Berlin - Vor ein paar Wochen ist Dieter Hoeneß gebeten worden, er solle doch bitte ein paar Worte zu Lucas Barrios sagen. So eine Frage hätte er vor ein paar Jahren mit einem müden Lächeln quittiert und der Standard-Antwort: „Wenn Sie schon ein wenig länger hier wären, wüssten Sie, dass wir uns nicht an Spekulationen beteiligen, sondern nur Vollzug melden.“ Das aber war in der Zeit, als der Manager Hoeneß bei Herthas BSC noch Alleinherrscher war und Spieler holte, die in sein persönliches Konzept passten. Als er sich noch nicht mit Lucien Favre herumschlagen musste, der ganz eigene Vorstellungen vom Fußball hat und diese auch umsetzen möchte, er muss schließlich auch als Trainer dafür geradestehen.

Hoeneß hat sich also ein wenig geziert und einen kurzen Vortrag gehalten über „einen sehr guten Stürmer, groß, schnell, beidfüßig und torgefährlich“, und natürlich sei Hertha sehr interessiert. Neben ihm saß Favre und verzog nicht einmal das Gesicht. Auf die Frage, was er denn von Barrios halte, sagte Favre nur, dass er zu diesem Thema gar nichts zu sagen habe. Genauso, wie Hoeneß es früher getan hätte.

Die Gewichte haben sich verschoben bei Hertha. Nichts geht mehr ohne Favre. Dieter Hoeneß, ohne den früher nichts ging, steht vor seinem Abschied. Die Entscheidung ist gefallen, Hoeneß wird sie in Kürze übermittelt werden, für die kommende Woche ist mit einer offiziellen Verlautbarung zu rechnen. Es ist kein freiwilliger Abschied, Hoeneß wollte seinen bis 2010 laufenden Vertrag unbedingt erfüllen. Aber er selbst hat den Bogen überspannt, auch und vor allem in seinem Bemühen, eine Art Übertrainer zu sein.

Zum Beispiel mit der Planung von Transfers wie dem von Barrios. Der Argentinier spielt bei Colo Colo in Chile. Hoeneß reist sehr gern nach Südamerika, im Frühjahr schaute er bei Barrios vorbei. Das hat ein bisschen Ärger provoziert. Andrej Woronin verstand nicht, warum denn kein Geld da war, um ihn aus seinem Vertrag aus Liverpool herauszukaufen, wenn doch Colo Colo zehn Millionen Dollar für Barrios verlangte. Herthas Präsident Werner Gegenbauer mochte sich nicht abspeisen lassen mit dem vagen Verweis auf einen Investor, der den Kauf finanzieren sollte. Und Favre hatte zuvor schon wissen lassen, er wolle auf keinen Fall noch einen Spieler aus Südamerika.

Favre hat sich vom Präsidium das Privileg zusichern lassen, dass nur noch Spieler verpflichtet werden, die er selbst beobachtet hat. Zu viel ist in den vergangenen beiden Jahren nicht in seinem Sinne verlaufen. Manches lag in Favres Hang zum endlosen Zögern begründet, etwa die Verpflichtung des Schweden Tobias Grahn, den Hertha im Sommer 2007 nur deswegen holte, weil der Kader irgendwie aufgefüllt werden musste. Das billige Leihgeschäft mit Grahn ließ sich verschmerzen. Ärgerlicher waren ganz andere Fehlgriffe. André Lima, den wohlgenährten Stürmer, brachte Hoeneß für 3,5 Millionen Euro aus Brasilien mit. Favre hatte ihn zuvor nur auf einer Best-of-DVD studiert. Nach 16 größtenteils desaströsen Spielen musste Lima Berlin wieder verlassen.

Oder die Sache mit Pedro Geromel. Den hatte Favre vor einem Jahr als neuen Innenverteidiger ausgespäht. Der Brasilianer aber war angeblich zu teuer, so dass für knapp 2 Millionen Euro sein Landsmann Kaka kam, der sich als Experte für Luftlöcher erwies. Geromel ging für 2,5 Millionen Euro nach Köln und war dort die große Überraschung der Saison. Auch mit seinem Wunsch nach einer Verpflichtung des Wolfsburgers Christian Gentner konnte Favre sich nicht durchsetzen. Der Mittelfeldspieler machte vor einer Woche in China sein erstes Länderspiel.

Schwer verärgert war Favre nun, als ihm zu Ohren kam, Hoeneß wolle Ivan Klasnic verpflichten, der beim FC Nantes gescheitert ist. Nicht mit mir, signalisierte Favre. Es war einer der Fälle, der dem Präsidium vor Augen führte, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Die Hinterlassenschaften der Ära Hoeneß aber werden Favre noch ein wenig länger beschäftigen. André Lima war an den FC Sao Paulo ausgeliehen. Die Bereitschaft des Klubs, Lima zu behalten, tendiert gegen null. Sein Vertrag bei Hertha läuft noch bis 2011 – kehrt er zurück nach Berlin? „Um Gottes Willen“, sagt Lucien Favre.

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