Machtwechsel bei den Frauen : Der Neid spielt beim VfL Wolfsburg mit

Die Niedersachsen etablieren sich mit ihrem ersten Meistertitel als neue Größe im deutschen Frauenfußball.

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Haufenweise Erfolg. Die Wolfsburgerinnen jubeln über den ersten Meistertitel. Foto: dpa
Haufenweise Erfolg. Die Wolfsburgerinnen jubeln über den ersten Meistertitel. Foto: dpaFoto: dpa

Wolfsburg - Ralf Kellermann stand souverän seinen Mann, trotz des grün-weißen Konfettiregens und der um ihn herum tanzenden Frauen. Fröhlich, aber eben auch sachlich, ordnete er den frischen Triumph des VfL Wolfsburg ein. „Es war unser Ziel, in die Phalanx der beiden Großen einzubrechen“, sagte der Trainer, der für die Erfolge der neuen Macht im deutschen Frauenfußball zuständig ist. Mit der Meisterschaft der Wolfsburgerinnen, die am letzten Spieltag ein 4:0-Heimsieg gegen den SC Bad Neuenahr möglich gemacht hat, ist Teil eins der Wachablösung gelungen. Erstmals seit 2000 heißt der Deutsche Meister nicht Turbine Potsdam oder 1. FFC Frankfurt. Und vieles deutet darauf hin, dass die beiden Großen angesichts der neuen Wolfsburger Stärke eine ganze Weile klein beigeben müssen.

Dass es am Sonntag vor rund 6000 Zuschauern im VfL-Stadion keine ausschweifenden Bier- oder Champagnerduschen gab, ist mit großem Durst auf noch mehr Ruhm zu erklären. Der erste nationale Titel in der noch jungen Wolfsburger Vereinsgeschichte soll in den nächsten neun Tagen durch einen Sieg im Pokalfinale (19. Mai in Köln) gegen Turbine Potsdam und einen Triumph im Champions-League-Endspiel (23. Mai in London) über Favorit Olympique Lyon ergänzt werden. „Unser Weg ist noch nicht zu Ende“, hofft Erfolgstrainer Kellermann, dessen Mannschaft 26 Heimspiele hintereinander gewonnen hat und neidisch beäugt wird. Bundestrainerin Silvia Neid spricht von einem Erfolg durch „über die Jahre kontinuierliche Aufbauarbeit“. Dazu zählt fleißiges Training, aber eben auch eine äußerst zielorientierte Personalpolitik. Kellermanns Kader ist gespickt mit Nationalspielerinnen. Immer mehr Top-Spielerinnen wie Conny Pohlers und Viola Odebrecht sind in den vergangenen Jahren der Konkurrenz aus Potsdam und Frankfurt abspenstig gemacht worden.

Der Neid, der den neuen Seriensieger begleitet, gehört zu den wenigen Dingen, die den VfL-Coach Kellermann aus der Reserve locken. Er räumt ein, dass der VW-Konzern traumhafte Rahmenbedingungen beschere. Aber das Netzwerk aus vielen Firmen und Betrieben, die den Spielerinnen eine horrend hohe Zahl an Freistunden und Urlaubstagen genehmigen, sei nicht zu vergleichen mit den Millionengehältern, die bei den Männern üblich sind. Kellermann betont, dass die Mehrheit der Neuzugänge den Weg nach Wolfsburg wegen der Aussicht auf Titel und der Chancen abseits des Rasens finde. „Wir bieten den Spielerinnen eine sportliche Perspektive und eine berufliche Absicherung“, sagt Thomas Röttgermann, Mitglied der Geschäftsführung der VfL Wolfsburg Fußball GmbH. Er legt großen Wert auf die Feststellung, dass die Spielerinnen des VfL natürlich auch Geld mit ihrem Sport verdienen – aber seiner Ansicht nach nicht mehr als bei der etablierten Konkurrenz in Potsdam und Frankfurt.

Kritik und Missgunst perlen an den glücklichen Spielerinnen des VfL Wolfsburg weitgehend ab. „Bei uns passt einfach alles – auch außerhalb des Platzes“, findet Mittelfeldspielerin Selina Wagner. „Man hat immer das Gefühl gehabt, dass hier etwas geht“, sagt Stürmer Martina Müller, die seit mehr als acht Jahren für den VfL spielt. Seit 2003 sind ihr Team und die Frauenfußball-Abteilung Teil jener GmbH, die von VW begünstigt wird. Ohne Zeitdruck und strenge Ziele ist seitdem daran gearbeitet worden, dass erst die Region und später das ganze Land über dieses Vorzeigeteam staunt. Rückschläge wie der verletzungsbedingte Ausfall von Nationalstürmerin Alexandra Popp, die sich kurz vor Ende der Saison eine Bänderverletzung zugezogen hat und auch für die Europameisterschaft in Schweden auszufallen droht, sind selbst für einen Krösus wie den VfL Wolfsburg eine schmerzhafte Erfahrung. „Die Freude überwiegt natürlich. Aber ich hatte noch nie solche Schmerzen“, sagte die Torjägerin, die nach dem Titelgewinn nur mit Gehhilfen mitfeiern konnte.

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