Sport : Madrid verdrängt Leverkusen

Martin Hägele

Bayern München hakt die Bundesliga für ein paar Tage ab und gibt sich der Faszination eines Spiels im Bernabeu-Stadion hinMartin Hägele

An solchen Tagen ist es ideal, wenn man in München ins Flugzeug steigen kann und ein faszinierendes Reiseziel vor sich hat. Real Madrid fasziniert jeden, der schon einmal gegen einen Ball gekickt hat, "doch im Bernabeu-Stadion gegen Real zu spielen, das ist ein Highlight im Leben eines jeden Fußballprofis". Bayern Münchens Trainer Ottmar Hitzfeld schließt sich selbst mit ein in diese extravagante Atmosphäre. Ein ausverkauftes Haus, Aber-Millionen Fans weltweit vorm Fernseher (20.45 Uhr, live in tm 3) - allein die Erwartung des Halbfinal-Hinspiels der Champions League macht die Köpfe seiner Profis frei von allem anderen.

Real Madrid verdrängt Bayer Leverkusen. Noch am Sonntag sind Oliver Kahn und Kollegen vor den Reportern in die Luft gegangen, wenn die nur nach Bayer gefragt haben. Sie können den Namen Bayer einfach nicht mehr hören. Weil es für Spieler, die sich das Selbstverständnis der ewigen Nummer eins in Deutschland angeeignet haben, kaum auszuhalten ist, Woche für Woche einem Gegner hinterherzuhecheln.

Die Bayern stehen in den kommenden Tagen vor der härtesten Tour, die jemals ein deutsches Fußballteam mitgemacht hat, und auf einmal stören sie sich gar nicht mehr daran. Die Attacken, die Manager Uli Hoeneß gegen den DFB angezettelt hat "wegen des Termin-Wahnsinns" (weil zwischen die beiden Spiele im Halbfinale der Champions League auch das deutsche Pokalfinale am Sonnabend gegen Werder Bremen hineingepackt wurde) sind vergessen. Ärger von gestern. Man kann nur nach vorne gucken auf diesen dreiteiligen Psycho-Thriller, der allenfalls einer Fußball-WM, und da der Phase zwischen Viertel- und Halbfinale vergleichbar ist. Jener Zeit, in der die wahren Champions wachsen.

In letzter Zeit haben allerdings die Skeptiker Konjunktur, die bezweifeln, ob der FC Bayern die letzte und entscheidende Strecke der Saison unbeschadet übersteht. Vielerorts malen Kritiker ein Szenario an die Wand, das Bayern-Freunde hassen und fürchten: noch einmal wie im vergangenen Mai dazustehen, das Trauma der beiden verlorenen Endspiele gegen Manchester United und Werder Bremen.

Andere Klubs hätten in einer solchen Situation wohl Psychologen konsultiert und neben der medizinischen noch eine Extra-Abteilung zur seelischen Betreuung der Spieler eingerichtet. Im "Westin Palace Hotel" Madrid aber wurden keine Magier gesichtet oder Männer, die leere Flaschen mitgebracht haben, damit die Spieler beim Gang über Scherbenwiesen an zusätzliche Kräfte glauben könnten. Der FC Bayern bewältigt solche Aufgaben mit Eigenmitteln.

Zu den Stärken von Ottmar Hitzfeld zählt es, mit Sachlichkeit zu überzeugen. Das macht er, indem er der Mannschaft erklärt, sie sei gut vorbereitet auf Madrid, obwohl das Real von heute ein ganz anderes Real sei als jenes, das vom FC Bayern München Ende Februar und Anfang März zweimal (4:2 und 4:1) ausgezählt worden ist. Für das Halbfinale nun fällt bei Real Kapitän Hierro aus. Ein Vorteil für die Bayern? Eher nicht. Auf den zentralen Mann in der Vierer-Abwehrkette hatten die Bayern zuletzt ihre Überfälle ausgerichtet, der 32-Jährige mag alles, bloß kein Tempo. Hierro gilt als Denkmal in Spanien; doch weil er sich verletzt hat, musste Trainer del Bosque umstellen. Die Ersatz-Lösung mit Libero Ivan Helguera und zwei Stoppern war wesentlich kompakter.

"Es wird ganz gewiss kein solches Jahrzehnt-Spiel werden wie beim letzten Mal", sagt Uli Hoeneß. Es geht einfach um zu viel, vor allem für Real. In der Meisterschaft nur Vierter, im Pokal ausgeschieden, "ist die Champions League bei Real das Maß aller Dinge". So sieht es Uli Hoeneß. Aber ein großer Unterschied zu Bayern München ist das auch nicht mehr.

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