Sport : Männer auf verlorenem Posten (Glosse)

Johannes Taubert

Sie Kennen das. Ein Autobahnteilstück wird vor einer Baustelle von sechs Fahrspuren auf vier verringert, und beide Fahrtrichtungen werden auf eine verlegt. Die Fahrspuren sind dann so eng, dass sich die Fahrzeuge fast berühren. Jeder kleine Schlenker führt zum Massencrash. So rauschen wir zu Hunderttausenden täglich mit 100 Stundenkilometern durch solch ein Nadelöhr, und es ist ein minütlich zu bestaunendes Wunder, dass dort so wenig passiert. Tatsächlich nehmen wir es nur wahr, wenn mal Dutzende Autos ineinander gerauscht sind.

Den normalen Wahnsinn nehmen wir ungerührt zur Kenntnis. Womit wir bei den Schiedsrichtern und ihren Assistenten sind. Alles in allem muss man sich darüber wundern, wieviel die eigentlich sehen, auch hinterm Rücken. Mit wie viel Gleichmut sie durchgedrehten Fußballern entgegentreten und doch immer wieder beschimpft werden. Auch von cholerischen Trainern, beispielsweise als Würste. (Nebenbei ist das auch noch eine törichte Beschimpfung, wer könnte im Ernst etwas gegen eine gute Wurst einwenden wollen, höchstens ein Vegetarier, aber das ist Werner Lorant ja nicht. Kurzum, wir bemerken sie nur, wenn sie einen Fehler machen, was vergleichsweise selten ist. Siehe Autobahn.

Also betrachten wir zunächst mal den Mann an der Seite. Grundsätzlich ein Mann auf verlorenem Posten. Zumindest, was die Abseitsentscheidung angeht. Es war nur dem seligen Marty Feldman gegeben, gleichzeitig Ballabgabe und Ballannahme zu beobachten. Vielleicht noch Klaus Kinski, aber der hat sich nie viel aus Fußball gemacht, mehr aus Frauen wohl. Die Aufgabenstellung ist für die Richter über die Linien deshalb eine Überforderung. Gleichwohl sehen sie es heldenhaft oft richtig. Sie haben keine 14 Kameraeinstellungen und pausenlose Wiederholungen zur Verfügung. Stattdessen müssen sie sich naseweise Kommentare von den Fernsehmenschen anhören, die sich irgendwelche Linien auf den Schirm zaubern, um ihnen dann aufheulend und klagend Fehler nachzuweisen.

Ihr Chef ist der Mann, der sich mit 22 Wilden rumschlagen muss, manchmal inklusive ihrer Dompteure. Der Schiedsrichter rennt ihnen dauernd hinterher, ohne sie jemals zu erwischen, und würde er doch mal einer der Herren habhaft, dürfte er es ja gar nicht. Bei der ganzen Rennerei muss er noch diverse Karten mit sich rumschleppen, die zudem unterschiedliche Farben aufweisen, die er zu gegebenem Anlass in der richtigen Farbe oder sogar kombiniert hochhalten muss. Jeder Verkehrsrichter weiß, wie schwer es vielen Menschen fällt, allein die Farben rot und gelb zu unterscheiden. Der Spielleiter muss ein umfangreiches Repertoire an Verbalinjurien souverän überhören können, in den unterschiedlichsten Sprachen. Er muss Blicke ertragen können, die andere ins Jenseits beförderten, und immer noch genug Luft haben, um herzhaft Elfmeter zu pfeifen. Und wenn alles vorbei ist, kommen dann noch die Mikrofon- und Kameramännchen. Aber das hatten wir ja schon.

Nun haben wir aber noch einen blitzsauberen Vorschlag auf Lager, der alle Schiedsrichter der Welt kolossal entlasten würde. Wir alle kennen von verschiedenen Anlässen her papierene Unterwäsche. Für Notlagen oder mal für zwischendurch. Nun stellen wir uns vor, alle Spieler trügen Trikots und Hosen aus diesem Material. Nach nur fünf Minuten stünden die Schiris zusammen mit den beiden Torhütern als einzige noch vollständig bekleidet auf dem Platz. Der Rest wäre Erregung öffentlichen Ärgernisses, die Betätigung des Flitzens erführe eine massenhafte Renaissance. Ein jegliches Zurren und Zerren wäre für jeden sofort sichtbar. Für die Pfeifenmänner sowieso. Unbelehrbare Trikotgrabscher werden damit bestraft, "ohne Papiere" weiterzuspielen.

Na, ist das was? Auf so was kommen die beim DFB ja nie. Und sollten wir mit unserem Vorschlag nicht durch die Gremien dringen, so beantragen wir zunächst mal Artenschutz für Schiedsrichter und ihre Assistenten. Die meisten von ihnen sehen in der entscheidenden Sekunde auf dem Platz mehr als Thomas Wark nach der elften Wiederholung.

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