Sport : Männer kämpfen auch

Nach den Frauenerfolgen holt Judoka Jurack Bronze

Benedikt Voigt[Athen]

Auf der Ebene null der Ano-Liossia-Halle liegen Unglück und Glück nur einige Sekunden auseinander. In einem blauen Judoanzug schleicht die Französin Celine Lebrune um einen Betonpfosten und schlägt die Hände vors Gesicht. Sie weint. Zehn Minuten lang hatte sie im Halbfinale die Weltmeisterin ärgern können. Am Ende aber gehört ihr keine Medaille. Nur Tränen. Wenige Sekunden später biegt Michael Jurack um den massiven Pfosten. Er ist erschöpft, sein Gesicht leuchtet zartrosa. Aber er lächelt.

Der deutsche Judoka hatte Minuten zuvor erleben müssen, wie sich das Schicksal wenden kann. Den Halbfinalkampf in der Klasse bis 100 Kilogramm gegen den Koreaner Sung Ho Jang hatte er nach 96 Sekunden verloren. „Vergiss es“, sagte sein Trainer Frank Wieneke danach. Michael Jurack sollte sich auf den Kampf um die Bronzemedaille vorbereiten, der nur sieben Minuten später stattfand. „Das ist nicht einfach“, sagt Wieneke, „du gehst hinten als Verlierer raus und stellst dich vorne für den Kampf um Bronze wieder an.“ Doch Jurack konnte den wichtigsten Kampf seiner Karriere gegen den Aserbaidschaner Mowlud Miraljew mit vier Yuko-Wertungen gewinnen.

Es war bereits die vierte Medaille für den Deutschen Judobund bei diesen Olympischen Spielen. Allerdings hatten die vorhergehenden drei Erfolge die Frauen geholt. Michael Jurack hat das sehr genau mitbekommen, im Olympischen Dorf liegt seine Unterkunft gegenüber dem Haus der deutschen Judo-Frauen. Dort löste eine Feier die andere ab. Das motivierte ihn. „Komm, wir müssen auch eine Medaille holen“, sagte er sich.

Für den Männerbereich war sein Ergebnis besonders wichtig. Es ist die erste olympische Medaille seit acht Jahren. Für Michael Jurack ist es womöglich der Höhepunkt seiner Sportlerkarriere. „Ich weiß gar nicht, wie es jetzt weitergeht“, sagt der 1,90 Meter große Niederbayer. Womöglich trauert er irgendwann der vergebenen Chance im Halbfinale nach. „Da war ich zu passiv“, sagt Jurack. Der Koreaner liegt ihm nicht. „Rechtsausleger sind sein Problem“, sagt Wieneke. „Wir haben hart daran gearbeitet.“ Trotzdem verlor der 25-Jährige den Kampf nach einem Fußwurf. Doch die Freude über Bronze ließ Jurack diesen schwachen Moment bald vergessen. „Ich bin hochzufrieden“, sagt er. „Für diesen Tag habe ich die letzten vier Jahre gelebt.“ Nur Frank Wieneke hat die Halbfinalniederlage noch nicht abgehakt. Der Zeitmangel hat eine ordentliche Ansprache verhindert, aber die will sich Wieneke trotz der Medaille nicht nehmen lassen. „Der Anschiss kommt gleich“, sagt er lächelnd.

Plötzlich biegt der Niederländer Elco van der Geest um den riesigen Betonpfosten, er kämpfte ebenfalls um Platz drei. Der Hüne geht in die Hocke, er blickt auf den Boden – und schlägt die Hände vor das Gesicht.

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