Sport : Männer mit Nerven

Warum die Eisbären in der Finalserie um die deutsche Eishockey-Meisterschaft vom Favoriten zum Außenseiter wurden

Claus Vetter

Berlin. Es wurde geflucht, geheult und vieles in Frage gestellt. Der traurige Charme, der im Sport nun mal Verlierer umgarnt, bestimmte am Montag im Sportforum Hohenschönhausen die Szenerie auf den Tribünen. Für die Fans der Berliner Eisbären war die Katastrophe perfekt. „Die werden niemals Meister“, war von den Berliner Anhängern zu hören. Sie sind am Montag nicht Deutscher Eishockey-Meister geworden, die Spieler vom EHC Eisbären. Das stimmt. Aber, und das wurde in allgemeiner Berliner Fruststimmung übersehen: Die Frankfurt Lions sind es auch noch nicht, trotz ihres 4:3-Sieges nach Verlängerung. Die Deutsche Eishockey-Liga (DEL) hat am Montag nicht ihre Play-off-Regularien geändert. Es gilt in der Finalserie weiter der Modus „Best of five“, drei Siege benötigt eine Mannschaft zum Titelgewinn. Die Lions haben nun zwei, die Eisbären nur einen. Und natürlich, Freitag haben die Frankfurter im Heimspiel Matchball. Das ist bitter für die Berliner.

Am Montag ist ein Rollentausch passiert. Der Favorit Eisbären ist zum Außenseiter geworden in der Finalserie. Wie konnte es dazu kommen, gerade nach dem souveränen 5:2-Sieg im ersten Spiel gegen Frankfurt? Bereits Sonnabend deutete sich das Problem der Berliner an. Sie waren erschrocken darüber, wie entschlossen die Hessen beim zweiten Spiel in Frankfurt um ihre Chance kämpften. Ehe es sich die Eisbären versahen, stand es 3:1 für Frankfurt. Es war ein Rückschlag, von dem sich die Berliner nicht erholten. Ein vom Spielverlauf anderes, aber von der Psychologie her ähnliches Szenario ließ sich im dritten Spiel beobachten. Zuerst verspielten die Eisbären eine 2:0-Führung, dann reichte ein 3:2 nicht aus, um das Spiel zu gewinnen.

Die stärkeren Nerven hatten die körperlich robuster agierenden Frankfurter. Sie gaben dem Gegner nie die Gelegenheit, zu lange an einen Sieg zu glauben. Beim Favoriten setzte in den kritischen Situationen kollektives Nervenflattern ein. Individuelle Fehler häuften sich, für eine Fehlerkorrektur fühlten sich nur wenige Spieler verantwortlich. Schwere Beine, schwerer Kopf – die Berliner hatten anscheinend vergessen, wie souverän und spielerisch ansprechend sie in ihren ersten acht Play-off-Spielen zu acht Siegen gekommen waren. Ihre Überlegenheit konnten sie nicht nutzen, sie vergaben viele ihrer guten Torchancen kläglich.

Allerdings: Die Eisbären haben bislang nur ihre Favoritenrolle verspielt. Das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein. Dessen waren sie sich selbst beim neuen Favoriten bewusst. „Wir haben keinen Vorteil am Freitag“, sagte Frankfurts Trainer Rich Chernomaz. Und sein Manager Lance Nethery stapelte ganz tief. So nach der Maxime: Seien wird doch zufrieden, dass wir überhaupt so weit gekommen sind. „Ich hatte nicht mal daran geglaubt, dass wir ins Finale einziehen“, sagte Nethery. Wer zu früh feiert, der kann sich schnell am Ende aller Träume sehen. Den Freezers erging es im Halbfinale dieser Play-offs so: Mit 2:1 Siegen hatten die Hamburger gegen Frankfurt geführt, am Ende setzten sich die Lions durch.

In Frankfurt haben die Lions bereits für nächste Woche den Balkon am Römer gebucht. Es soll gefeiert werden in der Innenstadt, in jedem Fall. Natürlich, die Hessen sind ihren Festivitäten näher als die Eisbären. Denn die haben nun auch das Problem des verfrühten Abgesangs. So wird schon ihre jüngere Geschichte bemüht, wird von vielen die Parallele zum Vorjahr konstruiert.

Damals sind die Berliner im Halbfinale ausgeschieden, nach einer 1:0-Führung gegen Krefeld. Pierre Pagé möchte nichts davon hören. „Wir leben nicht in der Vergangenheit“, sagt der Eisbären-Trainer. „Wichtig ist nur, was am Freitag in Frankfurt passiert.“ Dann könnte die Meisterschaft zugunsten der Lions entschieden sein, dann könnten die Fans der Eisbären trauern. Oder auch nicht: Zumindest bei den Buchmachern ist man sich nicht so sicher. Für einen Berliner Sieg am Freitag zahlt der Wettanbieter „betandwin“ weniger als für einen Frankfurter Erfolg.

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