Sport : Männer mit Schuhtick

Seit Wochen tobt der Streit, wer das deutsche Nationalteam ausrüsten darf: Nike oder Adidas Warum ist die Schuhwahl so bedeutsam? Die wichtigsten Fakten und Legenden

André Görke,Dagny Lüdemann

1 Der kauzige Eduard Geyer, einst Trainer bei Energie Cottbus, hält nichts von neumodischem Schnickschnack. „Seit es diese bunten Schuhe gibt, silber, blau und so weiter, da glauben manche Spieler, die laufen von ganz alleine. Die hab’n doch ’n Ritzel an der Dattel.“

2 Außerdem nützt auch der schönste Schuh nichts, wenn man vom Pech verfolgt wird. Oder wie Weltmeister Andreas Brehme sagte: „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.“

3 Die harten Fakten: Adidas rüstet den DFB seit den Fünfzigern aus, unvergessen das WM-Finale 1954: Wegen des heftigen Regens hatten sich die Schuhe der Ungarn vollgesogen, das Gewicht betrug satte 1,5 Kilo – doppelt so viel wie die Schuhe der Deutschen.

4 Damit war 1954 eine Legende geboren, fortan war es Liebe. Vor allem wegen des ersten Schraubstollens im WM-Finale und … gähn, ja, die Geschichte kennt jeder. Viel spannender: 52 Jahre später, kurz vor der WM in Deutschland, meldet sich Puma zu Wort und verkündet: Nee, den Schraubstollen haben wir erfunden! So etwas nennt man wohl Bruderstreit in Herzogenaurach.

5 Die Schuhe sind heute nicht nur leicht (etwa 200 Gramm), sondern Hightech: Die Sohle ist aus Kohlefaser – aus dem Stoff werden auch Flugzeuge gemacht.

6 Seit fast zehn Jahren erforscht die Uni Duisburg-Essen Fußballschuhe – Ergebnis: Schuh und Ball berühren sich beim Schuss nur zwölf Millisekunden lang.

7 Zwölf Millisekunden können zerstörerisch sein! Beckenbauers rechter Schuh von der WM 1974 hat auf der rechten Seite nämlich drei Löcher: Weil er so gerne den Außenrist benutzte.

8 Aber früher wurden Schuhe aus – igitt! – Känguruleder genäht. Bei 200 Millionen Fußballern weltweit wäre das ja ein brutales Gemetzel geworden, wäre man bei Känguru geblieben. Deshalb stieg man dankenswerterweise auf synthetische Stoffe um.

9 Und nicht nur das: Die Schuhe sehen auch immer spektakulärer aus. Bei der WM 2006 trug Lukas Podolski einen Schuh, auf dem das Brandenburger Tor zu sehen war. Im Innern war die deutsche Nationalhymne abgedruckt; auf den beiden Laschen standen zwei chinesische Schriftzeichen: „Lukas“ und „Glück“. Konnte ja nicht gut gehen.

10 Michael Ballack ließ lieber die Namen seiner Söhne Emilio, Louis und Jordi neben die Deutschlandfahne drucken.

11 Wer übrigens seinen Schuh auf dem Feld verliert, darf nicht weiterspielen. Herthas Abwehrchef Dick van Burik hat erst letzte Woche Gelb gesehen – weil er die Regel nicht kannte.

12 Die Stollen unter den Füßen müssen mindestens einen Durchmesser von 12,7 Millimetern haben und dürfen nicht länger als 19 Millimeter sein. Sie sollten aus Leder, Kunststoff, Gummi, Aluminium oder ähnlichem Material bestehen. So will der DFB Verletzungen verhindern.

13 Guter Ansatz. Nur sollte man auch mal Ewald Lienen fragen: Dem schlitzte Bremens Norbert Siegmann nämlich 1981 den Oberschenkel auf – und zwar auf zwölf Zentimeter Länge. Lienen vermutete Absicht und stellte Trainer Rehhagel vor Gericht, verlor den Prozess allerdings...

14 Gefährlich sah auch der Tritt von Bayerns Jürgen Klinsmann 1997 aus: Nach seiner Auswechslung im Spiel gegen Freiburg trat er mit seinem Stollenschuh die berühmte Sanyo-Tonne ein, blieb stecken und schrie angeblich „vai a cacare“ (das ist Italienisch und ein unappetitlicher Fluch). Gemeint war Trainer Giovanni Trapattoni. PS: Die Tonne steht heute in einer Essener Werbeagentur.

15 Überhaupt haben unsere guten, alten Fußballer ein inniges Verhältnis zum Schuh: Beim WM-Finale 1990 in Italien gegen Argentinien sollte Lothar Matthäus den entscheidenden Elfer schießen. Doch er konnte nicht. Seine alten, abgeranzten Adidas-Schuhe waren kaputt, und in den neuen fühlte er sich unsicher. Er ließt Brehme den Vortritt, der semmelte ihn rein – und Deutschland war Weltmeister. Kein Märchen!

16 Matthäus ist übrigens der Sohn des Hausmeisters der Firma Puma.

17 Puma, Nike und Adidas teilen sich das Geschäft auf: Bei der WM 2006 hat Puma zwölf Mannschaften im Turnier gehabt, Nike acht und Adidas sechs – im Finale gewann Puma (Italien) gegen Adidas (Frankreich).

18 Jährlich zahlt Adidas heute geschätzte elf Millionen Euro an den DFB. Konkurrent Nike will 50 Millionen Euro zahlen, plus Bonus. Da kann man schon mal ins Schwitzen kommen.

19 Weltweit gibt es nur einen Verband neben dem DFB, in dem die Nationalspieler sich bei der Marke nicht frei entscheiden können: in Österreich hält Puma den Daumen drauf.

20 Adidas zahlte jedem Spieler während der WM 50 000 Euro. Nike hatte Miroslav Klose zwei Millionen Euro geboten (und angeblich weitere zwei Millionen, wenn er Torschützenkönig wird).

21 Der Goldene Schuh – seit 1982 offiziell „Adidas Golden Shoe“ genannt – wurde 1930 erstmals überreicht. Seither bekommt nach jeder WM der Torschützenkönig diese Trophäe. 2006 in Deutschland gewann Klose den Goldenen Schuh für seine fünf WM-Tore. Pech gehabt (siehe Punkt 20)!

22 Damit jeder seine Schuhe hat, ist Thomas Mai, ehemals Schlosser in Chemnitz, für den DFB als Zeugwart im Einsatz: Zur WM schleppte er 69 Paar an: für jeden der 23 Spieler Nocken- und Stollenschuhe – und ein Nockenpaar als Reserve.

23 Allerdings hat Stefan Kießling mal seine Schuhe vor einem U21-Länderspiel im Hotel vergessen. „Als ich das gemerkt habe, ist mir fast das Herz stehen geblieben“, erzählte er später. „Torwart Michael Rensing hatte zum Glück ein zweites Paar dabei, auch wenn das ein paar Nummern zu klein war und ich danach Blasen hatte.“ Kießling schoss übrigens sein erstes Tor in diesem Spiel.

24 Kickende Frauen mit kleinen Füßen müssen heutzutage weder Fußballschuhe für Kinder noch zu große Männerschuhe tragen. Es gibt spezielle Stollen- und Nockenschuhe für Frauen.

25 Aberglaube ist weit verbreitet. Oliver Neuville zieht immer den Rechten zuerst an, und Barry Venison – einst Liverpool – sagt: „Ich ziehe immer zuerst meinen rechten Schuh an, dann den rechten Socken.“ Ja, richtig gelesen.

26 Und zum Abschluss ein Zitat aus der Spielordnung der Freizeitliga „Wilde Liga Bielefeld“: „Technisch schlechte Spieler in bunten Schuhen dürfen ausgelacht werden.“ (siehe Punkt 1)

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