Sport : Magie fehlt im Repertoire

Die Brasilianer sind gescheitert, weil sie sich selbst verleugneten und nur auf Ordnung bedacht waren

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Draußen dröhnten die Trompeten aus der Hölle. Es war ein wütendes Lärmen, welches die brasilianischen Fans vor dem Mannschaftshotel veranstalteten. Drinnen hob Julio Cesar das Glas zu einer emotionalen Rede. „Du hast eine Gruppe von Freunden, von Brüdern geformt. Wir hätten die WM so gerne für dich gewonnen“, formulierte der Torhüter von Inter Mailand. Details sind nachzulesen auf der Internetseite des brasilianischen Fußball-Verbandes, aber es bedarf keiner großen Interpretationskunst, Julio Cesars Worte als Abschiedsrede zu deuten.

Die brasilianische Nationalmannschaft nimmt Abschied von Carlos Dunga. Am Samstagnachmittag ist im Nelson-Mandela-Bay-Stadion von Port Elizabeth beim 1:2 gegen die Niederlande keine Ära zu Ende gegangen. Dazu war Carlos Dunga nicht lange genug im Amt. Am Ende seiner vier Jahre währenden Zeit ist er gescheitert mit dem Versuch, einer Gruppe von Männern mit dem ewigen Image verspielter Strandkinder einen vom europäischen Arbeitsethos geprägten Stil näher zu bringen. „Es waren vier gute Jahre“, sagte Dunga, „ich bin stolz auf diese Spieler.“

Wie schon Portugal im Achtelfinale scheiterte Brasilien im Viertelfinale an einer Verschiebung der mannschaftsinternen Parameter. Dunga wollte mehr Ordnung als Improvisation. Und scheiterte daran, dass im entscheidenden Augenblick die Ordnung zusammenbrach und seine Mannschaft nicht mehr improvisieren konnte. Sie war unfähig zur Umstellung auf totale Offensive, für die diese Fußballnation früher einmal stand.

Im brasilianischen Scheitern war schwerlich ein Drama zu erkennen, dazu hätte es schon eines gewissen Aufbäumens bedurft. Die Seleçao aber stemmte sich nicht gegen das Ausscheiden. 13 Minuten vor Schluss wechselte Carlos Dunga Nilmar für Luis Fabiano ein – Stürmer für Stürmer.

Einziges Anzeichen von Wut oder gar Aggressivität im brasilianischen Spiel war der üble Tritt von Felipe Melo gegen den am Boden liegenden Arjen Robben. Felipe Melo flog vom Platz, Hollands Trainer Bert van Marwijk sprach von einer „Schande für den brasilianischen Fußball“. Nun hatten die Brasilianer schon im bisherigen Turnierverlauf gezeigt, dass magische Momente nicht zum Repertoire dieser Klasse von 2010 gehören. Im Vertrauen auf ihre Defensivorganisation dachten sie wohl, der frühe Treffer von Robinho würde reichen. Doch der unglückliche Ausgleich in Folge eines Missverständnisses zwischen Verteidiger Felipe Melo und Torhüter Julio Cesar, der übrigens am Samstag offiziell noch Wesley Sneijder als Tor zugeschrieben wurde, hatte für das Selbstverständnis dieser Mannschaft genauso schwere Folgen wie das Lindenblatt auf Siegfrieds Schulter. Dungas Ordnung fiel komplett in sich zusammen.

„Alle sind sehr traurig, manche haben geweint“, erzählte der Wolfsburger Grafite. Und entsprechend rührselig endete der Abend im Hotel mit Julio Cesars Abschiedsrede für Carlos Dunga. Erst in der Nachbereitung ihres Scheiterns waren die Brasilianer so brasilianisch, wie es die Fußballwelt von Brasilianern erwartet.

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