Sport : Magisch angezogen

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Von Martín E. Hiller

Es gibt WM-Begegnungen, die gibt es nicht. Deutschland und Brasilien etwa haben sich noch nie in einer Endrunde getroffen. Und es gibt Begegnungen, die gibt es immer wieder. Argentinien gegen England ist so eine. Die Südamerikaner und die Briten scheinen sich bei Weltmeisterschaften fast magisch anzuziehen, so oft trafen sie schon aufeinander: Am Anfang beherrschten die Engländer dieses Duell, warfen Argentinien 1962 in der Vorrunde und 1966 im Viertelfinale aus dem Turnier. Dann allerdings kam die Zeit der Selección. Und sie kam mit einem ganz besonderen Spiel: 1986 trafen Argentinien und England im ersten sportlichen Vergleich nach dem Krieg um die Falklandinseln vier Jahre zuvor aufeinander. Diego Maradona entschied das Spiel mit zwei Toren, die beide auf ihre Weise Fußballgeschichte schreiben sollten.

Weil der Argentinier das 1:0 gegen Peter Shilton regelwidrig mit der Hand erzielte, lud der englische Torhüter ihn später nicht zu seinem Abschiedsspiel ein. Maradonas Alleingang über 60 Meter zum 2:0 dagegen wurde sowohl von der Fifa als auch von englischen Fachzeitschriften zum Tor des Jahrhunderts gewählt. Die Partien der beiden Weltmeister sind regelmäßig spektakulär, so auch der letzte Endrundenvergleich 1998, in dem Michael Owen die Lions mit einem tollen Alleingang in Führung brachte und Argentinien mit einem nicht minder schönen Freistoßtrick ausglich. Die Südamerikaner gewannen das Spiel schließlich im Elfmeterschießen.

Vergangenheit, die allgegenwärtig ist: Für Englands Spielmacher David Beckham, der ebenso wie sein argentinisches Pendant Juan Sebastian Verón beim englischen Spitzenklub Manchester United spielt, gibt es mit Ausnahme eines WM-Finales kein größeres Spiel als die heutige Begegnung in Sapporo. „Jeder weiß, was beim letzten Mal passiert ist, als wir auf Argentinien trafen. Daher wird es mir ein Vergnügen sein, gegen die zu spielen“, sagte der Kapitän der englischen Nationalelf. 1998 war Beckham wegen Nachtretens vom Platz gestellt worden. Die Erinnerung an diese Situation ist kaum angetan, die Brisanz aus der heutigen Partie zu nehmen – die japanische Polizei sieht das übrigens ähnlich: 7000 Beamte hat sie aufgeboten, um die rivalisierenden Fangruppen auseinanderzuhalten. Viel Feuer vor einem Spiel, in dem es besonders für England fast schon um alles geht: Nachdem die Briten gegen Schweden nur ein Unentschieden holten, müssen sie heute gewinnen. Die Argentinier haben ihr Auftaktspiel dominiert und verdient gewonnen, trafen aber mit Nigeria auch auf die schwächste Mannschaft der Gruppe E. Und geht man davon aus, dass diese schwachen Afrikaner auch von Schweden geschlagen werden, muss England eben punkten, um den Anschluss an die beiden Führenden nicht zu verlieren. Eine Aufgabe, die den Engländern selbst sehr schwer erscheint: „Argentinien ist der Favorit, die Geschwindigkeit ihres Angriffsspiels ist atemberaubend“, schrieb das englische Fußballfachblatt „World Soccer“, das befürchtet, dass „2002 zu früh für Erikssons junge Löwen“ kommt.

Doch auch die Argentinier schätzen ihren heutigen Gegner als sehr gefährlich ein. „Sie haben starke Spieler, sind stark in der Luft. Nicht nur im geschichtlichen Zusammenhang ist es ein gewaltiges Spiel“, sagt Verón über das Land, das den Fußball einst nach Argentinien brachte, Vereinen wie River Plate oder Racing Club Buenos Aires den n gab. In Argentinien ist man sich des Bandes mit dem Fußballmutterland ebenso bewusst wie des Einflusses anderer europäischer Einwanderer. „Die Argentinier sind Italiener, die Spanisch sprechen, sich kleiden wie Engländer und gerne Deutsche wären“, lautet ein altes Sprichwort aus Buenos Aires.

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