Sport : Mainz erpresst die Bayern

Der furchtlose und abgeklärte FSV gewinnt 2:1 in München und bleibt auch nach sechs Spieltagen verlustpunktfreier Tabellenführer

Carsten Eberts[München]

Thomas Tuchel war baff. Dem Trainer des 1. FSV Mainz 05 fehlten „ein bisschen die Worte“, als er nach der Partie an der Seite von Bayern-Trainer Louis van Gaal das Spiel analysieren sollte. Es sei schließlich „sehr außergewöhnlich“, was mit den Mainzer Fußballern dieser Tage so alles passiert, „das muss sich alles erst mal setzen“. Dann hatte sich Tuchel gefasst und er verlor noch einige Komplimente an seine Mannschaft: „Wir fühlen uns nicht größer als wir sind“, sagte er. „Aber wir haben sehr mutig verteidigt und am Ende den Lucky Punch gesetzt.“

Der Lucky Punch durch den Drehschuss des Ungarn Adam Szalai in der 77. Spielminute in den rechten Winkel bescherte den Mainzern nicht nur den sechsten Sieg im sechsten Ligaspiel, sondern auch den zu Saisonbeginn nie für möglich gehaltenen Auswärtserfolg beim FC Bayern. Mit 18 Punkten steht der FSV an der Tabellenspitze – der Mainzer Wahnsinn geht weiter. Manager Christian Heidel sagte: „Wir setzen uns keine hochtrabenden Ziele. Aber in Mainz ist jetzt Ausnahmezustand. Dafür machen wir den Krempel hier.“

Der alte und neue Tabellenführer hatte auch in München erstaunlich selbstsicher begonnen. Die anfängliche Drangphase des FC Bayern, der wie erwartet mit Ivica Olic und Danijel Pranjic für die verletzten Franck Ribéry und Diego Contento antrat, überstand Mainz mit dem nötigen Glück. In der 15. Spielminute dann kamen sie über rechts, Lewis Holtby flankte in die Mitte – dort stand Sami Allagui, der den Ball wunderschön mit der Hacke ins linke untere Toreck schickte. „Es ist wirklich perfekt gelaufen“, sagte Allagui hinterher. Bis auf eine Szene vielleicht, denn den Ausgleich kurz vor der Pause besorgten die Mainzer selbst: Dem Schweden Bo Svensson missglückte eine Kopfballrückgabe zu seinem bereits herauseilenden Torwart Christian Wetklo. Der rannte zurück in sein Tor, als er jedoch die finale Grätsche ansetzte, da war es schon zu spät.

Das Spiel der Bayern war an diesem Nachmittag nicht zwingend genug, um daraus Kapital zu schlagen. Ihnen fiel nicht genug ein, um einen gut gestaffelten, keinesfalls ausschließlich defensiv eingestellten Gegner ernsthaft zu gefährden. Die Taktik von Trainer Tuchel ging auf: „Wir wollten vorne draufgehen und versuchen, Schweinsteiger und van Bommel zuzustellen“, verriet Lewis Holtby nach dem Spiel. Das habe „wunderbar funktioniert“.

Die Bayern hingegen merkten überdeutlich, wie es ist, ohne ihre beiden spielprägenden Flügelspieler auskommen zu müssen. Das Fehlen von Franck Ribéry und Arjen Robben schmerzte sehr, sie hätten sich mit einer Einzelaktion wohl leichter aus dem Mainzer Pressing lösen können. Zumal Thomas Müller einen seiner schlechteren Tage erwischte, Toni Kroos eher verhalten agierte, Miroslav Klose kaum Bindung zum Spiel fand und Bastian Schweinsteiger eines seiner schlechtesten Spiele im Bayern-Trikot absolvierte. Alles WM-Fahrer wohlgemerkt, denen offensichtlich doch so etwas wie ein Formtief droht.

„Leidenschaft, Laufbereitschaft, Aggressivität – das haben wir heute alles vermissen lassen“, sagte Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. Trainer Louis van Gaal erteilte den Mainzern Komplimente: „Dass wir heute so schlecht gespielt haben, ist auch ein Verdienst von Mainz. Sie haben gutes Pressing gespielt, die Mannschaft hat eine Handschrift.“ Als er schließlich auf den Abstand von zehn Punkten auf die Mainzer gefragt wurde, lächelte sein Kollege Tuchel eher gequält als geschmeichelt und wäre wohl am liebsten aus dem Raum entflohen. Denn van Gaal antwortete: „Gegen diesen Spielstil hat es jeder Klub sehr schwer. Sie können natürlich Meister werden.“

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