Sport : Mainz hat Methode

Trainer Klopp macht Talente bundesliga-tauglich

Frank Hellmann[Mainz]

Die Zeit muss sein. Wann immer es der Terminkalender möglich macht, zieht es Kurt Beck in das putzige Stadion am Bruchweg. Der SPD-Parteivorsitzende ist bekennender Sympathisant des FSV Mainz 05 und so durfte der Politiker beim Bundesliga-Start nicht fehlen. Als Beck kurz vor dem Abpfiff strammen Schrittes Richtung Ausgang strebte, kam der Ministerpräsident aus dem Schwärmen gar nicht heraus. „Mainz war gut, aber Tobias Damm war besonders gut. Das war eine wahre Freude, diesen Jungen zu sehen.“ So wie Beck sahen es die meisten der 20 000 am Bruchweg. Als die Mainzer Profis sich wie nach Siegen üblich zur Feierprozedur aufstellten, schallte ihnen ein neuer Sprechgesang entgegen. „Tobi Damm ist besser als der Thurk, besser als der Thurk.“ Ein 5:0 im Testspiel gegen Liverpool (mit einem Damm-Tor), nun ein 2:1 zum Liga-Auftakt gegen den VfL Bochum (mit dem 1:0 von Damm) haben gereicht, um das Fanvolk umzustimmen: Michael Thurk, nach Frankfurt gewechselt, ist Vergangenheit, Tobias Damm die Zukunft.

Eine „glatte Note eins“ erteilte ihm Kapitän Manuel Friedrich. „Ein prima Junge, der noch ohne Ende lernen kann“, urteilte Manager Christian Heidel. „Lasst dem Jungen mal ein bisschen Zeit“, mahnte Trainer Jürgen Klopp, wohlwissend, was auf einen 22-Jährigen einstürzt, der bis dahin erst sechs Bundesliga-Minuten in den stämmigen Beinen hatte, aber als ungeschliffener Diamant gilt und im Konkurrenzkampf mit den gerade verpflichteten Stürmern Imre Szabics und Edu erst einmal die Nase vorn hat. „Das ist einfach nur geil“, sagte Damm und erklärte diesen Tag „zum glücklichsten meines Lebens.“ Seine Saisonvorgabe, in der Bundesliga ein Spiel und ein Tor zu machen, hat der Vertragsamateur bereits erfüllt. Aber wer vor einem halben Jahr noch beim Oberligisten FC Schwalmstadt kickte und im Kasseler VW-Werk als Gießereimechaniker arbeitete, der muss für die Bundesliga bescheidene Ziele haben.

Es ist die Gabe des Trainers Klopp, neue Kräfte aus zweiter und dritter Liga oder im Falle Damm aus den eigenen Amateuren für den Profibetrieb tauglich zu machen. Insofern dient der talentierte Nordhesse nur als Synonym der Mainzer Philosophie. Was bleibt anderes übrig? Mit Michael Thurk, Benjamin Auer, Antonio da Silva und Mohamed Zidan ist die gesamte Offensiv-Abteilung gegangen, weil sie andernorts mehr verdienen können. In Mainz muss man mit zwölf Millionen Euro Personalkosten auskommen. „Also entwickeln wir eine eigene Methodik – die funktioniert“, sagt Heidel.

Und als bundesweite Bestätigung der Arbeit soll nun das Länderspiel gegen Schweden dienen: Vermutlich wird Manuel Friedrich am Mittwoch erster Nationalspieler des Vereins werden. Der 26-Jährige reiste bereits gestern nach Berlin, der Abwehrchef geht davon aus, in Gelsenkirchen sein Debüt zu feiern. „Ich denke nicht, dass ich zum zweiten Male eingeladen werde, um 90 Minuten auf der Bank zu sitzen.“ Klopp kann den Einsatz nur empfehlen: „Er ist schon in richtig guter Form und hat überragende Zweikampf- und Fitnesswerte.“

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