Malik Fathi im Interview : „Mein Talent ist mein Charakter“

Außenverteidiger Malik Fathi von Hertha BSC über Türkischunterricht, sein Offensivspiel und die Nationalelf

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Malik Fathi, Ihre Mutter ist Deutsche, Ihr Vater Türke. Sprechen Sie Türkisch?

Ben Türkçe bilmiyorum.

Was heißt das?

Ich spreche kein Türkisch. Aber ich lerne es gerade.

Warum können Sie es nicht?
Weil ich es nie gesprochen habe.

Und wenn Sie bei Ihren Verwandten in der Türkei waren?

Hat mein Vater übersetzt. Oder wir haben Englisch geredet. Eigentlich ist es bitter. Es nervt mich, dass ich das nicht kann.

Wie gut sind Sie inzwischen?

Ich bin Anfänger. Seit einem Jahr nehme ich mit meinem Halbbruder Privatunterricht, einmal in der Woche – wenn ich es schaffe. Aber es reicht ja nicht, nur zum Unterricht zu gehen. Man muss es auch anwenden, sonst behält man es nicht.

Gibt es einen Wettbewerb mit Ihrem Bruder, wer besser Türkisch spricht?

Nö. Er ist wie ich, sehr relaxed. Einen Wettbewerb gibt es nur beim Nintendo- Spielen. Das machen wir seit zehn Jahren, jede Woche. Mein Bruder ist der Beste, dann komm ich, danach mein Vater.

Reden Sie mit Ihrem Vater Türkisch?

Ab und zu schicke ich ihm eine SMS auf Türkisch. Dann freut er sich. Ich werde auch oft auf Türkisch angesprochen. Leider verstehe ich das meiste nicht.

Sind Sie ein Typ, der in einer fremden Sprache einfach drauflosplappert?

Marko Pantelic hat das ganz gut drauf. Der redet einfach auf Deutsch los. Das ist eigentlich positiv. Mir ist es eher unangenehm, etwas Falsches zu sagen.

Sind Sie generell zu vorsichtig? Ihr Trainer Falko Götz verlangt von Ihnen, dass Sie mehr für Herthas Offensivspiel tun.

Ich weiß, dass mein Offensivspiel besser werden muss. Aber wichtig ist die richtige Balance. Wenn du dauernd rauf- und runterläufst, fehlt dir die Konzentration für die Defensive. Außerdem muss auch das System passen. Wenn wir im Mittelfeld ohnehin in Überzahl sind, würde ich nur den Raum zulaufen. Da bleibe ich lieber hinten. Meine vermeintliche Offensivschwäche kommt ja daher, dass ich mich in den Dienst der Mannschaft stelle. Ich könnte auch die ganze Zeit nach vorne rennen, um für die Leute draußen gute Aktionen zu haben. Aber das hilft der Mannschaft ja nicht.

Ärgert es Sie, dass Abwehrspieler nur wenig Ruhm ernten?

Ich glaube schon, dass das viele Abwehrspieler nervt. Mir persönlich ist es nicht so wichtig. Ich bin ganz froh, dass ich ein bisschen vernachlässigt werde. Umso beachtlicher ist, was Fabio Cannavaro geschafft hat. Europas Fußballer des Jahres. Man muss die Liste ja nur mal runtergehen: ausschließlich Offensive.

Sie haben Paolo Maldini einmal als Ihr Vorbild bezeichnet. Haben Sie sich bei ihm etwas abgeschaut?

Maldini ist auch jemand, der eher defensiv spielt und nicht die Linie rauf- und runtersprintet. Das ist in Italien wohl so üblich. Da bleiben die Außenverteidiger zum Teil an der Mittellinie stehen. Aber deswegen ist Maldini nicht mein Vorbild – sondern weil er schon so lange auf einem solch hohen Niveau spielt.

Sie gelten als Spieler, der nicht abhebt und an seinen Schwächen arbeitet. Haben Sie Angst, als streberhaft rüberzukommen?

Ich glaube, als Streber wurde ich noch nie bezeichnet. Ich bin alles, nur kein Außenseiter. Es ist ja nicht so, dass ich jeden Tag stundenlang extra trainiere. Ich gehe auch anderen Vergnügungen nach wie jeder normale Mensch in meinem Alter. Aber ich habe nun mal nicht so ein Riesentalent mitbekommen wie Patrick Ebert oder Kevin Boateng. Ich muss an mir arbeiten, damit ich mich verbessere. Mein Talent ist mein Charakter.

Wussten Sie das immer schon?

Ich war im Kopf relativ klar, würde ich sagen. Ich hatte immer eine gewisse Geduld, wollte nichts übers Knie brechen. Ich habe einen konstanten Weg eingeschlagen, der mich letztlich zu den Profis geführt hat.

Und in die Nationalmannschaft.

Na ja, ich habe zwei Einsätze gehabt, ich gehöre zum Kader und werde versuchen, 2008 bei der EM dabei zu sein. Es wäre ja schwachsinnig zu sagen: Das schaffe ich nicht. Aber damit ich mich richtig als Nationalspieler fühle, müssen noch ein paar Länderspiele dazukommen. Mein Ziel ist es, dass es immer eine gewisse Steigerung gibt, bis ich 30 bin. Das wäre top.

Sind Sie auch darauf vorbereitet, dass es mal schlechter laufen könnte?

Auf jeden Fall. Es gibt keinen Spieler, der ohne ein Tief durch seine Karriere kommt. Das musst du von vornherein wissen. Ich beschäftige mich damit, aber ich steigere mich da nicht rein.

Sie haben in einem Video des Rappers Bushido mitgespielt. Ist das Ihre Musik?

Der Beat gefällt mir, seine Rap-Stimme hat eine gewisse Präsenz und Power, deswegen höre ich das ganz gerne.

Man würde Bushido eher mit Ihren Kollegen Ashkan Dejagah oder Kevin Boateng verbinden. Straighte Typen, kompromisslos und wild. Vermissen Sie das an sich?

In bestimmten Situationen habe ich dieses Wilde auch. Aber ich würde nicht sagen: Ich will sein, wie die sind. Die sind ganz anders aufgewachsen als ich und haben eine ganz andere Einstellung. Bis jetzt fahre ich gut mit meinem Charakter, und die fahren gut mit ihrem.

Suchen die jüngeren Spieler Rat bei Ihnen?

Eher selten. Ich sehe mich ja selbst noch als einen der Jungen und nicht als einen, der älter ist oder was Höheres darstellt.

Ist es Ihnen unangenehm, dass Sie von Falko Götz immer wieder als eine Art Vorbild dargestellt werden?

Wieso soll das unangenehm sein?

Ich glaube nicht, dass die jungen Spieler das als schlimm auffassen. Ich gehe ja nicht zu ihnen hin und sage: Guckt mal, was ich alles gemacht habe und wo ich jetzt stehe. Mir kann da keiner einen Vorwurf machen.

In der Nationalmannschaft gibt es die paradoxe Situation, dass Sie älter sind als viele Spieler, auch mehr Bundesligaspiele bestritten haben und trotzdem weniger erlebt haben als die WM-Teilnehmer Per Mertesacker oder Bastian Schweinsteiger. Stellen Sie da Unterschiede fest?

Wenn ich bei der Nationalmannschaft bin, ist mir egal, wer da wie viele Länderspiele bestritten hat. Wenn jemand korrekt ist, ist er halt korrekt. Aber du merkst schon, wie dieses Ereignis WM jeden Einzelnen richtig weitergebracht hat. Was die an Emotionen erlebt haben, kann ich mir wahrscheinlich gar nicht vorstellen. Aber mehr Gedanken gehen mir da nicht durch den Kopf.

Sie haben gesagt, Sie wollten sich stetig weiterentwickeln, bis Sie 30 sind. Wo sehen Sie sich im Jahr 2013?

Wenn’s so weiterläuft wie bisher – so muss der Satz anfangen: Wenn’s also so weiterläuft wie bisher, werde ich ein anerkannter Spieler sein, ein Führungsspieler, denke ich auch, und eine Respektsperson.

Und mit einem großen internationalen Klub in der Champions League spielen?

Die Möglichkeit besteht.

Das Gespräch führten André Görke und Stefan Hermanns.

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