Sport : Mama kümmert sich

Britta Steffen fällt bei der Kurzbahn-EM im Schwimmen durch Fürsorge auf.

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Aufatmen in Stettin. Britta Steffen holte bei der Kurzbahn-EM in Polen zwei Siege und steigerte dadurch ihr angeknackstes Selbstbewusstsein. Foto: dpa
Aufatmen in Stettin. Britta Steffen holte bei der Kurzbahn-EM in Polen zwei Siege und steigerte dadurch ihr angeknackstes...Foto: dpa

Berlin - Sie stand selbstverständlich gern auf dem Podest, ganz oben natürlich, Platz eins ist ja ihr Anspruch. Und Britta Steffen verkündete auch zufrieden: „Es ist schön, einmal wieder den Finger vorne zu haben.“ Den Finger hatte sie über 100 Meter Freistil vorne, im Pool der Schwimmhalle in Stettin holte sie damit Gold bei der Kurzbahn-Europameisterschaft. Sie hatte nach 51,94 Sekunden angeschlagen, Weltjahresbestzeit. Und gestern gewann sie auch noch über 50 Meter Freistil (24,01).

Aber sie blieb gleichzeitig dosiert euphorisch. „Selbstvertrauen baut sich ab, Selbstvertrauen baut sich auf, im Moment baue ich auf“, erklärte sie. Das war die richtige Tonlage. Gut, sie hatte auch noch mit der 4-x-50-Meter-Freistil-Staffel gewonnen, sie war eine der dominierenden Schwimmerinnen in Stettin.

Doch die Bedeutung von Stettin liegt für die Doppel-Olympiasiegerin nicht hauptsächlich in den Medaillen. Die starken Holländerinnen haben gefehlt, die Schwedinnen auch da, die Kurzbahn nehmen viele nicht so ernst, auch Steffen ist ja aus vollem Training geschwommen, diese Erfolge haben nur bedingt einen sportlichen Aussagewert.

Die Bedeutung von Stettin liegt in der Psyche von Britta Steffen. Ihre sportliche Welt lag – gemessen an ihren eigenen, extrem anspruchsvollen Maßstäben - nach der WM in Trümmern, sie muss sich wieder Selbstsicherheit erarbeiten. Die Siege, vor allem aber der Umstand, dass sie aus vollem Training heraus sehr gute Zeiten schwimmen kann, das ist ein erster Schritt. Mehr allerdings auch nicht.

Britta Steffen hat in Stettin aber zugleich auch an ihrer Rolle gearbeitet. Sie fiel in der Vergangenheit in der Mannschaft vor allem als Teamleaderin auf, die ihren jahrelangen Ausnahmezustand sehr deutlich einforderte. Viele Freundinnen hat sie sich damit nicht geschaffen, Akzeptanz und Respekt in dieser Rolle kann sie aber nur erwarten, wenn sie Erfolge vorweisen kann. Das Debakel bei der WM hat sie in ihrer Rolle durchaus beschädigt. Dass sie, die Führungsfigur, aus Schanghai quasi geflüchtet ist, kam bei vielen nicht gut an.

Also muss sie sich Respekt wieder erarbeiten. Britta Steffen kümmerte sich in Stettin fast rührend um die jungen Mitglieder der Nationalmannschaft. Ganz sicher auch aus ehrlicher Überzeugung, schon weil die Jungen sportlich keine Konkurrenz darstellen, gut möglich aber auch, dass dahinter zugleich auch Kalkül steckte. Beobachter haben gesehen, dass die 28-Jährige der zehn Jahre jüngeren EM-Debütantin Paulina Schmiedel das Prozedere der Siegerehrung gezeigt hatte. Schmiedel war Teil der Gold-Staffel. „Paulina ist ne ganz Süße. Sich um sie zu kümmern, macht Spaß“, sagte Steffen den Reportern am Beckenrand.

Und dann kam der Satz: „Ich möchte den Jüngeren den Druck nehmen. Hier scheint als Mannschaft etwas zu wachsen, was sich als Team anfühlt, und das ist eine gute Tendenz.“ Britta Steffen will anderen Druck nehmen? Ausgerechnet die Frau, die sich selbst den größten Druck macht und dadurch psychisch einknickt? Schwieriges Unterfangen.

Aber vielleicht muss man das anders betrachten. Vielleicht begegnet sie den Jungen in diesem Punkt einfach nur mit besten Vorsätzen, ergebnisoffen. Ob sie ihre Rolle wirklich neu definiert, wird sich freilich erst bei der Olympia-Vorbereitung zeigen.

Denn in Stettin war sie zur Fürsorge ja zugleich fast schon gezwungen. Sie ist jetzt 28. Ein Oldie also. Das haben ihr die Jungen schon klar gemacht. Die sagten mitunter nicht „Britta“. Die sagten: „Mama.“

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