Sport : Man flüstert nicht mehr, man spricht über Doping im Tennis

MELBOURNE .Als Petr Korda nach einem 225minütigen Tennis-Marathon zum Netz strebte, um seinen geschlagenen spanischen Gegner Galo Blanco (6:3, 6:7, 6:4, 6:7, 6:2) zu verabschieden, schien nach all den Krisensitzungen und Hinterzimmer-Diskussionen mit wilden Gerüchten plötzlich ein neuer Höhepunkt in der Dopingaffäre um den amtierenden Australian-Open-Champion erreicht: Statt Korda, wie üblich, die Hand zu reichen, marschierte Blanco schnurstracks zum Schiedsrichter, bedankte sich beim Referee und schritt dann zu seinem Pausenstuhl.Ungläubig verharrte Korda für einige Momente auf dem Court und wandte sich dann kopfschüttelnd ab: "So etwas", sagte der Tscheche, "ist mir in meiner ganzen Laufbahn noch nicht passiert."

Doch wenigstens der vermeintliche Affront gegen den Doping-Sünder entpuppte sich als Schmierentheater."Er hat sich aufgeführt wie ein Lügner und Betrüger", behauptete Blanco später und warf dem 31jährigen Prager vor, er habe im Matchverlauf Verletzungen vorgetäuscht.Daß der Spanier irrte, war allerdings nicht nur den Zuschauern am Platz, sondern auch einem Millionenpublikum an den Bildschirmen offensichtlich geworden.Bei einer 4:3-Führung im dritten Durchgang stolperte Korda so unglücklich auf dem stumpfen Rebound-Ace-Belag, daß er minutenlang wegen einer Bänderdehnung behandelt werden mußte."Wenn ich an diesem Gelenk nicht bandagiert gewesen wäre, hätte ich meine Karriere heute beenden müssen", sagte Korda.

Der Zwischenfall war symptomatisch: Zwölf Monate nach der Schwimm-WM in Perth mit den Skandalen um die muskelbewehrten chinesischen Athletinnen droht nun auch Australiens traditionsreichste Sportveranstaltung in einem Sumpf von Verdächtigungen zu versinken.In immer stärkeres Kreuzfeuer geraten der Tennis-Weltverband ITF und seine Anhörungskommission, die Korda wegen der "außergewöhnlichen Umstände" seines Falls nicht mit einer einjährigen Sperre, sondern nur mit dem Punktabzug für das Wimbledon-Turnier und dem Entzug des dortigen Preisgeldes bestraft hatte.Die A- und B-Probe Kordas bei den Offenen Englischen Meisterschaften waren positiv gewesen.

Seine Entlarvung hat lange schwelende Flüsterpropaganda in Spielerkreisen über flächendeckendes Doping in die Öffentlichkeit getragen.Gestern schockierte der zweimalige Australian-Open-Sieger Jim Courier mit der Behauptung, nicht die Benutzung von Steroiden sei das Problem, sondern die nicht nachweisbare Einnahme des Präparats EPO.Bei dieser Variante des Blutdopings wird die Zahl der roten Blutkörperchen erweitert und damit die Sauerstoffaufnahme erhöht."Ich kann nicht 35 Wochen lang am Stück Turniere spielen, das schafft mein Körper nicht", erklärte Courier, "aber es gibt Spieler, die genau das tun." Ohne Namen zu nennen, warf Courier speziell "europäischen Spielern" vor, sich mit EPO zu dopen.Schließlich sei EPO im europäischen Sport gängig, das habe die letzte Tour de France bewiesen.Im Fall Korda zeigte sich Courier "sehr enttäuscht, daß sich Petr nicht einmal in der ATP-Spielerversammlung verteidigt hat".Der Amerikaner zweifelte an der Glaubwürdigkeit Kordas, der beteuert hatte, er wisse nicht, wie das Präparat Nandrolon in seinen Körper gelangt sei: "Ich weiß nicht, wie das gehen soll", erklärte Courier, "da man enorme Mengen schlucken muß, um positiv getestet zu werden." Der Österreicher Thomas Muster warf Courier dagegen vor, mit seinen unbewiesenen Behauptungen den "Tennissport zu zerstören".Zugleich attackierte Muster ATP-Chef Mark Miles, der nichts tue, um solche "verheerenden Angriffe zu stoppen".

Andre Agassi beschwerte sich über die Informationspolitik der ITF, "die Spieler und Öffentlichkeit im unklaren gelassen hat".Allmählich leide die Glaubwürdigkeit des Tennis unter der Affäre.Der Mann im Mittelpunkt des Trubels verließ nach seinem ersten Turniermatch fluchtartig die Anlage am Yarra River: "Ich bin froh, wenn ich mein Hotelzimmer abschließen kann - da habe ich meine Ruhe", sagte Petr Korda.Die Ruhe vor dem nächsten Sturm.JÖRG ALLMEROTH

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