Sport : „Man möchte sich vergraben“

Schiedsrichter Kemmling zu seiner Fehlentscheidung

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Haben Sie am Sonntag gut geschlafen, Herr Kemmling?

Nein, wenn man im Nachhinein erfährt, dass man einen Fehler gemacht hat, wird man als Schiedsrichter nie ruhig schlafen. Natürlich habe ich mir über die entscheidende Szene …

… als der Gladbacher Oliver Neuville den Ball mit der Hand ins Tor geschlagen hat …

… Gedanken gemacht. Alles andere wäre auch unangemessen und unnatürlich. Sie können sich sicherlich vorstellen, dass man sich nach einer derartigen Entscheidung äußerst unwohl fühlt und sich am liebsten vergraben möchte.

Warum haben Sie Neuville nicht gefragt, ob er das Tor mit der Hand erzielt hat?

Weil sich für mich im Spiel die Frage nicht gestellt hat, dass es überhaupt Handspiel war. In keinster Weise. Außerdem kann man nicht nach jeder strittigen Szene die Spieler befragen. Das haut nicht hin.

Sie hatten keinen Zweifel?

Im Spiel definitiv nicht. Ich war sogar der Meinung, dass der Kaiserslauterer Spieler ein Eigentor erzielt hat. Er hatte seinen Fuß fast in Kopfhöhe.

Die Lauterer haben hinterher gesagt, 50 000 Menschen im Stadion hätten das Handspiel gesehen, nur drei Leute nicht: der Schiedsrichter und seine Assistenten.

Dass solche Reaktionen kommen, ist doch verständlich. Aber man konnte das Handspiel nur direkt hinter dem Tor erkennen. Ich war überzeugt, dass meine Entscheidung richtig war.

Ihr Assistent müsste eigentlich auch eine gute Sicht auf die strittige Szene gehabt haben. Warum haben Sie ihn nicht gefragt?

Ich habe ihn gefragt.

Haben die heftigen Reaktionen der Kaiserslauterer Spieler Sie nicht stutzig gemacht?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass sämtliche Kaiserslauterer das Handspiel erkannt haben, wenn ich es nicht sehen konnte. Es entsteht dann eine Kettenreaktion. Ein Automatismus.

Haben Sie denn überhaupt schon mal einen Spieler befragt?

Ja, einmal in einer ähnlichen Situation, 1998 beim Spiel Schalke gegen den 1. FC Köln …

… als der Schalker Oliver Held den Ball auf der Linie mit der Hand abgewehrt hat.

Genau. Ich habe ihn damals gefragt, ob er den Ball mit der Hand gespielt habe. Oliver Held hat das verneint. Ich habe dann auf Eckstoß für die Kölner entschieden, obwohl es eigentlich Elfmeter hätte geben müssen.

Sie haben also am Sonntag Oliver Neuville vor einer Lüge bewahrt.

Das ist hypothetisch. Dass ich ihn nicht gefragt habe, hat mit dem Fall von damals jedenfalls nichts zu tun.

Die Fragen stellte Stefan Hermanns

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