Sport : „Man muss sie in Schutz nehmen“

Fed-Cup-Teamchefin Barbara Rittner über die sportliche Krise von Anna-Lena Grönefeld

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Frau Rittner, machen Sie sich Sorgen um Anna-Lena Grönefeld?

Natürlich. Es ist ja offensichtlich, dass sie gerade eine schwierige Zeit durchmacht und Probleme hat. Wir fragen uns alle, wo die herkommen.

Und?

Die Psyche spielt sicherlich eine Rolle, trotzdem ist es für uns ein Rätsel, warum es in eine so extreme Richtung geht. In wenigen Monaten hat Anna-Lena 15 Kilogramm zugenommen. Das muss gesundheitliche Gründe haben. Ist das vielleicht ein ganz extremer Jojo-Effekt, ausgelöst durch die spezielle Diät, die sie vorher gemacht hat? Das wird jetzt untersucht, die Ergebnisse kennen wir noch nicht.

Die „Bild“-Zeitung hat vom Moppel-Drama geschrieben.

Anna-Lena ist 21, was sie jetzt alles über sich lesen muss, ist für sie nur schwer zu verkraften. In erster Linie tut sie mir leid. Man muss sie einfach in Schutz nehmen. Mitte Dezember haben wir mit dem Fed- Cup-Team trainiert, da hatte ich sie zwei Wochen unter meinen Fittichen. Ich kann Ihnen sagen, was die Leute jetzt von ihr denken, stimmt einfach nicht. Sie sitzt nicht frustig in der Ecke und schiebt Schokotörtchen in sich hinein. Sie schmiert sich keine Butter aufs Brot, sie nimmt meistens nicht einmal Brot, und den Nachtisch lässt sie auch weg. Anna-Lena isst ganz normal und auch sehr bewusst.

Stehen Sie in engem Kontakt mit ihr?

Ich habe intensiven Kontakt mit ihrem neuen Trainer Dirk Dier, sonst versuche ich weitgehend, mich aus der Angelegenheit rauszuhalten.

Grönefeld hat seit Oktober kein Match mehr gewonnen. Wenn es so weitergeht, droht ihr bis zum Sommer ein dramatischer Absturz in der Weltrangliste.

Das stimmt, sie hat 2006 im ersten Halbjahr sehr erfolgreich gespielt. Da hat Anna-Lena in Acapulco ihr erstes Turnier gewonnen, in Indian Wells und bei den French Open stand sie im Viertelfinale. Von ihren 920 Punkten in der Weltrangliste wird sie zwischen Februar und Ende Mai 720 verteidigen müssen. Das wird knallhart. Ich glaube, sie braucht mindestens ein halbes Jahr, um sich wieder zu fangen. Entscheidend ist, dass sie in dieser Zeit psychisch nicht einbricht und dass man einen Plan entwickelt, wie sie aus dieser Situation wieder herauskommt. Denn eins ist auch klar: Irgendwann wird es keine Entschuldigung mehr geben.

Wie könnte der Plan aussehen?

Vielleicht braucht sie ein spezielles Fitnessprogramm mit mehr Fettverbrennung. Und sie muss den Kopf wieder frei bekommen, damit sie sich voll auf ihr Tennisspiel konzentrieren kann. Rafael Font de Mora …

… ihr ehemaliger Trainer …

… managt sie immer noch. Vielleicht wäre es besser, einen endgültigen Schnitt zu machen.

Es ist bekannt, dass Sie ein schwieriges Verhältnis zu Font de Mora hatten. Müssen Sie seine Arbeit nun anders beurteilen?

Ich habe immer gesagt, dass Font de Mora ein sehr guter Trainer ist, aber die Art und Weise, wie er mit seinen Athleten umgeht, hat mir nie gefallen. Jetzt zeigt sich doch, dass seine Methode nur in einem begrenzten Zeitraum funktioniert. Bisher hat es noch keine Spielerin richtig lange mit ihm ausgehalten. Font de Mora hat Anna-Lena alles bis ins Kleinste vorgeschrieben. Für mich ist da einfach eine Grenze überschritten worden. Oder glauben Sie, Kim Clijsters oder irgendjemand von den Männern würde sich einen solchen Umgang gefallen lassen? Für Anna- Lenas Persönlichkeit ist es eine ganz wichtige Erfahrung, dass sie die Dinge nun alleine entscheiden muss. Sie sagt ja selbst: Es geht mir besser. Ich habe mehr Spaß am Leben.

Trotzdem, so wie Grönefeld im Moment spielt, muss Font de Mora feixend in Phoenix sitzen.

Die Entwicklung gibt ihm jedes Recht dazu. Er hat Anna-Lena mit seiner Art auf Platz 14 der Weltrangliste gebracht und schon im August, gleich nach dem Ende ihrer Zusammenarbeit, angekündigt, dass es so kommen werde, wie es jetzt gekommen ist. Das gilt es nun zu widerlegen. Anna-Lena muss beweisen, dass sie auch auf andere Weise erfolgreich sein kann.

Sind Sie zuversichtlich, dass ihr das gelingt?

Ich fürchte, dass es seine Zeit dauern wird und dass Anna-Lena in der Weltrangliste ziemlich weit abrutschen wird. Aber ich sehe auch, wie diszipliniert, wie fleißig und wie gewissenhaft sie arbeitet. Ich glaube an sie.

Das Gespräch führte Stefan Hermanns.

Barbara Rittner, 33, ist seit zwei Jahren Chefin des deutschen Fed-Cup-Teams. Sie steht als erste Frau in der Geschichte des Deutschen Tennis-Bundes an der Spitze der Nationalmannschaft.

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