Sport : „Man muss wie ein Krimineller denken“

Antidoping-Kämpfer Richard Pound über die Chancen, Täter künftig häufiger zu erwischen

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Herr Pound, der Internationale LeichtathletikVerband IAAF hat angekündigt, die Weltmeisterschaft in Helsinki werde die bisher sauberste. Was halten Sie von dieser These?

Ich hoffe, dass der Verband Recht hat, und ich hoffe, dass diese Ankündigung Athleten abschreckt, gedopt zu den Wettkämpfen zu kommen. Aber Wettkampfkontrollen sind nur ein Teil der Maßnahmen gegen Doping.

Ist denn die IAAF für Sie überhaupt noch glaubwürdig nach allem, was im vergangenen Jahr bei den Olympischen Spielen passiert ist? Es gab in Athen drei gedopte Olympiasieger, den Skandal um die griechischen Sprinter Kostas Kenteris und Ekaterina Thanou und zudem noch die interne Kritik, dass das Anti-Doping-Programm der IAAF erhebliche Schwächen habe.

Es ist keine Frage, dass die Leichtathletik darunter leidet, in der Öffentlichkeit als dopingverseuchte Sportart wahrgenommen zu werden. Die Leichtathletik ist zwar in Europa noch einigermaßen populär, aber in den USA ist sie fast tot. Es gibt viele Regionen auf der Welt, in der sich die Leute nicht mehr für Leichtathletik interessieren. Aber meiner Meinung nach tut die IAAF ihr Bestes. Sie lässt im Training und im Wettkampf kontrollieren. Und man darf nicht vergessen, dass Kontrollen nicht nur eine Sache des internationalen Verbandes sind, sondern auch der nationalen Verbände.

Hat die internationale Leichtathletik nach Ihrer Ansicht etwas aus Athen gelernt?

Die Verantwortlichen haben, glaube ich, gesehen, dass sie einfach nicht energisch genug die verdächtigen Athleten wie Kenteris und Thanou verfolgt haben. Die Tatsache, dass sich die beiden dem Testsystem für viele Jahre entziehen konnten, hat einen Alarm ausgelöst und gezeigt, dass das System einfach nicht gut genug war. Wenn man Verantwortung an nationale Verbände abtritt, gibt es eben viele, die kein Interesse daran haben, ihre eigenen Athleten auszuschließen.

Wie also sieht die ideale Verteilung von Verantwortlichkeiten aus?

Wenn nicht alle gleich beteiligt sind, kommen wir zu keiner Lösung. Das ist der Grund, warum wir Organisationen wie die Wada brauchen. Wir sind komplett unabhängig. Alles, was wir herausfinden wollen, ist die Wahrheit, egal ob der Athlet aus dem Land A, B oder C kommt.

Welche Defizite sehen Sie in der Leichtathletik?

Ich glaube, jeder kann sich noch verbessern, und die Botschaft, die wir in die Welt hinaustragen müssen, lautet: Es ist keine Schande, betrügende Sportler zu überführen. Es ist ein Sieg. Vielen internationalen Verbänden ist es peinlich, wenn sie jemanden erwischen. Sie sollten glücklich sein. Das macht ihre Wettbewerbe verlässlicher und offener. Man muss sich auch immer bewusst sein: Wir haben es mit professionellen Betrügern zu tun. Um diese Leute zu erwischen, muss man wie ein Krimineller denken und fragen: Was werden diese Leute als Nächstes tun? Und man muss sicherstellen, dass die Athleten häufiger getestet werden, damit sie auch wissen, es könnte sie jederzeit erwischen.

Sie sehen also keine strukturellen Schwächen in der Leichtathletik?

Ich sehe eher funktionale. Man muss ein engagiertes Testsystem haben mit guten Zielkontrollen, indem man sagt: Hier ist ein Athlet mit merkwürdigen Resultaten, deswegen müssen wir ihn stärker beobachten.

Hat sich denn die Wada seit Athen mehr um die Leichtathletik gekümmert?

Da wir nur ein begrenztes Budget haben, konzentrieren wir uns mehr auf die Verbände, die kein Anti-Doping-Programm haben oder nur ein schwaches. Und wir konzentrieren uns auf die Länder, in denen das Testprogramm nicht so entwickelt ist, wie es eigentlich sein sollte.

Die IAAF will ihr Anti-Doping-System transparenter machen und hat jetzt beschlossen, einmal im Jahr alle Testergebnisse im Internet zu veröffentlichen. Die große Reform soll aber erst 2006 abgeschlossen sein, dann sollen Testergebnisse ständig veröffentlicht werden. Dauert das nicht alles zu lange, wenn man bedenkt, dass schon Athen die Missstände aufgedeckt hat?

Das ist ein Preis, den man dafür bezahlen muss, wenn man in einer internationalen Organisation ist. Wir haben eineinhalb Jahre dafür gebraucht, den Welt-Anti-Doping-Code zu verhandeln, und ein weiteres Jahr, bis die nationalen Verbände ihn umgesetzt haben. Es ist nicht so schnell, wie ich das gerne hätte, aber ein gutes Tempo für eine internationale Organisation. Und es ist gut, dass ein so großer Verband wie die IAAF zeigt, dass man das System so transparent machen kann.

Viele Athleten aus Westeuropa beklagen sich über fehlende Chancengleichheit. Sie würden viel häufiger kontrolliert als Athleten aus der Karibik, Osteuropa, Afrika oder Asien. Gibt es einen Ausweg?

Einer ist die Unesco-Konvention, auf die sich die Regierungen der Länder gerade untereinander verständigen. Dabei geht es auch darum, den Doping-Kontrolleuren eine leichtere Einreise zu ermöglichen. Dann wird es hoffentlich bald keine Unterschiede mehr geben bei den Tests in den Vereinigten Staaten, in Deutschland, Weißrussland und Jamaika.

In vielen Ländern brauchen die Kontrolleure noch ein Visum, um einzureisen. Wenn sie ihr Visum haben, sind die Athleten längst weitergezogen und noch schwerer zu erreichen. Es ist wie ein Versteckspiel.

Wir handeln auch gerade eine Zusammenarbeit mit dem Welt-Fußballverband Fifa aus. Ein Bestandteil wird sein, die Fifa-Kontrolleure zu nutzen. Sie sind nämlich schon vor Ort, insgesamt in 150 Ländern. Wir können also zum Beispiel einfach in Bulgarien anrufen und sagen: Hör mal, wir brauchen morgen Tests von folgenden drei Athleten. Um ein Visum brauchen wir uns dann gar keine Sorgen mehr zu machen. Ich hoffe, wir können dieses System vor dem Ende des nächsten Jahres einrichten.

Das Gespräch führte Friedhard Teuffel.

RICHARD

POUND (62)

ist Präsident der 1999 gegründeten Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Sie koordiniert Dopingtests und hat einen Code gegen Doping verabschiedet.

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