Sport : Manager unter dem Korb

Literatur für Führungskräfte soll Dirk Nowitzki bei den Dallas Mavericks endlich zum Chef machen

Matthias B. Krause[New York]

Es ist eines von diesen Vorsaisonspielen, bei denen die Trainer die letzten Lücken in der Aufstellung zu füllen versuchen, Ergebnisse sind kurz vor dem Start der nordamerikanischen Basketballprofiliga NBA sekundär und wenig aussagekräftig. Im New Yorker Madison Square Garden verlieren sich an diesem Abend nur ein paar tausend Zuschauer, aber Dirk Nowitzki spielt, als gäbe es mehr zu gewinnen denn nur eine lobende Erwähnung auf einer Statistik ohne Bedeutung. Er rennt und wirft und verteidigt, aber vor allem redet er. Er lobt und tadelt, er weist den Jungen den Weg und spornt die Alten an. Er versucht zu führen.

Nicht, dass die Rolle, die dem deutschen Star bei den Dallas Mavericks zugedacht ist, so neu wäre. Es ist seine achte Saison in Dallas, er gehört zu den besten fünf Spielern in der stärksten Basketball-Liga der Welt. Doch was bislang auf mehreren Schultern verteilt war, fällt nun ihm allein zu. Einst planten sie bei den Mavericks, mit den „Großen Drei“ eine Meisterschaft zu holen. Als sich der Erfolg nicht einstellte, machte sich Steve Nash vor der vergangenen Saison auf nach Phoenix, vor dieser wechselte Michael Finley zu den Spurs nach San Antonio. Übrig bleibt Nowitzki.

Der unternahm zwar in der Vergangenheit gelegentlich einen Vorstoß, seine Kollegen zu besseren Leistungen anzuhalten, doch gerade in den Play-offs waren häufig seine eigenen Vorstellungen zu schwankend, um selbst als uneingeschränktes Vorbild dazustehen. Das soll sich jetzt ändern. Deshalb hat Cheftrainer Avery Johnson nun Nowitzki ein besonderes Trainingsprogramm verordnet: Bücher wälzen. „Er liest eine Menge Material über Management und Führungsstil, das ich ihm aus den Buchhandlungen besorgt habe“, offenbarte Johnson jüngst, „er versucht, sich fortzubilden“.

Unter diesem Aspekt könnte sich die Europameisterschaft als effektiver Workshop erweisen. Beim Erreichen des zweiten Platzes war Nowitzki im deutschen Team, was sie sich in Dallas so sehr wünschen: die unumstrittene Führungsfigur. Selbst Mavericks-Besitzer Mark Cuban gibt zu, dass der von ihm nur mit Unmut betrachtete Ausflug zu den deutschen Wurzeln eine gute Seite gehabt haben könnte: „Dirk lernt bei allem, was er tut. Und wenn ich nicht will, dass er im Nationalteam spielt, dann nicht, weil er nicht lernen soll, sondern weil ich Angst um seine Gesundheit habe.“ Cuban ist der Einzige, der Nowitzkis neue Rolle offen so definiert: „Er gehört zu den fünf besten Spielern in der Liga, natürlich erwarte ich, dass er die Mannschaft führt.“ Von Coach Johnson würde man so etwas nie hören. Der sagt: „Wir haben auch andere Leute im Team, er ist nur einer der Führer. Er sollte nicht den Druck verspüren, dass er alles alleine machen muss.“ Außerdem will Johnson, dass sein Frontmann noch ein paar andere Aufgaben erledigt: „Wir wollen, dass er mit mehr Körpereinsatz spielt. Er muss in der Verteidigung besser werden, wir brauchen mehr geblockte Würfe, wir brauchen mehr Rebounds.“ Und dann fügt er einen merkwürdig verdrehten Satz hinzu: „Wir erwarten von ihm, dass er hoffentlich ein großartiges Jahr haben wird.“

Hoffentlich? Wenn nicht, dann könnte die Geduld der Fans und letztendlich auch der Kluboberen langsam zu Ende gehen. Das war schon in der vergangenen Saison zu spüren, als die Mavericks in den Play-offs einmal mehr in der zweiten Runde ausschieden. In dieser Spielzeit, die Anfang November beginnt, will Johnson weiter kommen, mit mehr Defensive und mehr Kontrolle: „Wir müssen nicht immer auf vollen Touren im vierten Gang spielen, sondern lieber im fünften und dann mal zurückschalten.“ Nowitzkis Rolle wird es sein, in den entscheiden Momenten den Schalthebel umzulegen.

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