Sport : „Manche Leute mögen mich nicht“

Kaiserslauterns Torhüter Tim Wiese über sein unbändiges Selbstbewusstsein – und die Sonnenbank

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Herr Wiese, von Ihnen ist folgender Satz überliefert: Ich hatte früher als Jugendlicher schon eine große Klappe und war öfter in Schlägereien verwickelt.

Korrekt zitiert. Auf dem Schulhof ging bei uns schon die Post ab. Aber das ist lange her, vorbei und vergessen.

Außerdem wird erzählt, Sie wären nur aus Faulheit zu Ihrem Job als Torwart gekommen.

Ja, das stimmt. Ich war in der Jugend ein ziemlich erfolgreicher Stürmer. Dann bekam ich Probleme mit dem Wachstum. Und das viele Laufen hat mich gelangweilt. Ich wäre ein guter Stürmer geworden, vielleicht hätte es sogar für die Bundesliga gereicht.

Als Torhüter rechnen Sie sich mittelfristig zu den besten drei in Deutschland. Wir halten mal fest, dass Bescheidenheit nicht Ihre herausragende Eigenschaft ist. Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal an sich gezweifelt?

Oh, da muss ich überlegen. Ich glaube, das war im letzten November, nach dem Spiel in Mönchengladbach, wir haben 1:2 verloren, und ich war nicht besonders gut. Dieses Gefühl habe ich gar nicht gekannt.

Sie sind im Sommer 2002 vom Regionalligisten Fortuna Köln nach Kaiserslautern gekommen. Wissen Sie noch, wie viele Gegentore Sie damals kassiert haben?

Hm, ziemlich viele. Die genaue Zahl habe ich vergessen.

Es waren 68, und die Fortuna ist als Tabellenletzter abgestiegen. Woher nehmen Sie nach so einer Saison das Selbstbewusstsein und sagen: Ich komme aus der Regionalliga, bin erst 20 Jahre alt, aber gut genug, um in der Bundesliga die Nummer eins zu werden?

Auch in Kaiserslautern habe ich anfangs ja in der Regionalliga-Mannschaft gespielt. Aber ich bin und war überzeugt von mir. Ich musste einfach Gas geben im Training und so dem Trainer zeigen, was ich kann und dass ich besser bin als die alte Nummer eins. Das hat gereicht.

Nun ist die Torhüterposition eine sehr sensible. Kein Trainer nimmt gerne schnelle Änderungen vor. Stammtorhüter genießen einen gewissen Artenschutz.

Na und? Ich habe gezeigt, dass ich dieses Vertrauen durch Leistung bestätigen kann.

Woher kommt diese ungeheure Selbstsicherheit in so jungen Jahren?

Ja, wo kommt die her? Ich versuche, meine Leistung abzurufen. Das gelingt mir zumeist. Ich lasse mich auch von den gegnerischen Fans nicht mehr so verrückt machen und konzentriere mich aufs Spiel.

Nicht jeder empfindet Ihr offensives Auftreten als positiv. Sind Sie eine Reizfigur?

Ich habe eigentlich ein normales Auftreten wie jeder andere auch. Vielleicht mögen mich einige Leute nicht, weil ich Gel im Haar habe oder mich gelegentlich auf die Sonnenbank lege. Das ist mir alles egal. Was die Fans des Gegners denken und tun erst recht.

Beim U-21-Länderspiel in Istanbul waren Sie der meistgehasste Mann auf dem Platz. Nach dem Tor, das die Qualifikation für die Europameisterschaft sicherstellte, sind Sie über den ganzen Platz mit erhobenen Armen gelaufen. Das türkische Publikum fühlte sich provoziert.

Das war heftig, da sind ja sogar die Ordner ausgetickt, die haben unsere Spieler geschlagen. Ich habe nichts geworfen und nichts gesagt. Ich habe nur hoch ins Publikum geschaut. Wenn die Zuschauer damit Probleme haben – tut mir Leid.

Könnte ja sein, dass Sie auf Grund Ihres Auftretens irgendwann nicht mehr weiterkommen.

Meine Leistungen sind oft gut, also warum sollte ich nicht weiterkommen? An meinem Äußeren wird es sicher nicht liegen.

Wir denken mal zehn Jahre weiter. Sie sind ein gestandener Torwart, und es kommt ein neuer Tim Wiese, der unbedingt Ihren Platz will. Wie würden Sie mit ihm umgehen?

Wissen Sie, vielleicht bin ich ja später mal nicht nur älter, sondern auch gut.

Nehmen wir mal an, Sie bekommen ein Angebot vom FC Bayern München. Würden Sie den Zweikampf suchen mit Oliver Kahn?

Gute Frage. Wenn du ein Angebot vom FC Bayern bekommst, darfst du es eigentlich nicht abschlagen. Aber Oliver Kahn ist ja da, und er hat gesagt, dass er noch zwei, drei Jahre spielen will. Daher denke ich mal, dass ich nicht hingehen würde.

Sie würden wirklich kneifen und absagen?

Ja.

Weil Sie nicht an Kahn vorbeikommen?

Nein, warum soll ich nicht vorbeikommen können? Ich weiß, was ich kann. Wenn die Bayern mich haben wollten, müssten sie mich anrufen und mich holen. Aber ich glaube nicht, dass sie dort den Torwart so schnell wechseln wollen. Oliver Kahn hat über Jahre hinweg sehr gute Leistungen gebracht. Er hat mit dem FC Bayern Titel gewonnen und die Nationalmannschaft ins WM-Finale gebracht. So ein Mann hat in Europa einen gewissen Status.

Sie geraten ja richtig ins Schwärmen. Ist Oliver Kahn Ihr Vorbild?

Früher habe ich mal gesagt, man könne sich bei dem was abschauen. Die Ruhe, die Erfahrung, der Respekt, den viele vor ihm haben. Wo Oliver Kahn ist, kommen nicht viele hin.

Und jetzt haben Sie Kahn als Vorbild abgelegt?

Vorbilder braucht man eher, wenn man jung ist und noch am Anfang steht.

In der Nationalmannschaft sieht sich Jens Lehmann ein wenig benachteiligt. Er sagt, es gehe nicht mehr nur um sportliche Leistung, sondern um Verdienste. Können Sie das nachvollziehen?

Natürlich. Jeder hat gesehen, dass Oliver Kahn zuletzt ein paar haltbare Tore kassiert hat, wie zum Beispiel gegen Real Madrid. Aber man kann bei allem Ärger nicht den Konkurrenten als Menschen angreifen und in dessen privatem Umfeld wühlen. Aber das ist eine Sache der beiden, sollen sie sich die Köpfe einschlagen, bitte. Ich gucke auf mich und versuche, meine Leistung zu bringen. Vielleicht kommt Rudi Völler ja irgendwann mal auf mich zu.

Wie nah sind Sie an der Klasse von Kahn dran?

Das müssen andere beurteilen.

Warum plötzlich so diplomatisch?

Ich denke mal, dass ich kein Schlechter bin. Die Bild-Zeitung stellt mich auf eine Stufe mit Timo Hildebrand …

… dem Torhüter des VfB Stuttgart…

Er ist zwei Jahre länger in der Liga und hat daher mehr Spiele gemacht. Von der Leistung her sind wir beide schwer vergleichbar, denn so viele Bälle hat er ja nicht draufbekommen. Der hat eine Superabwehr vor sich, die kaum was durchlässt.

Ihre Abwehr ist nicht so stark?

Das liegt nicht nur an der Abwehr. Aber ich habe deutlich mehr Bälle draufbekommen. Das ist der Unterschied.

Das Gespräch führten Sven Goldmann und

Michael Rosentritt .

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