Sport : „Manchester ist nicht unschlagbar“

In der Saison 2001/02 traf Bayer Leverkusen mit Bernd Schneider im Halbfinale der Champions League auf Manchester United und kam weiter. Vor dem heutigen Spiel macht Schneider Schalke Mut

Bernd Schneider

Ein Champions-League-Halbfinale gegen Manchester United zu bestreiten, ist etwas ganz Besonderes. Das sind Spiele, die man sein Leben lang nicht vergisst. Ich kann mich gut in die Lage der Schalker Spieler versetzen und glaube zu wissen, wie sie sich vor dem heutigen Hinspiel gegen Manchester (20.45 Uhr, live bei Sat. 1) fühlen.

Als wir mit Bayer Leverkusen vor neun Jahren im Halbfinale auf United trafen, waren wir wie Schalke jetzt der große Außenseiter. Kaum jemand traute uns gegen diese Mannschaft etwas zu. Dabei hatten wir eine Runde zuvor den FC Liverpool in zwei dramatischen Spielen ausgeschaltet. Liverpool war damals schon eine Klassemannschaft, aber mit Manchester United konnten sie es trotzdem nicht aufnehmen. Unter Trainer Alex Ferguson hatte United von 1999 bis 2001 drei Mal hintereinander die englische Meisterschaft gewonnen und 1999 sogar die Champions League. Von jenem Team waren noch etliche Spieler wie Roy Keane, Paul Scholes oder Ryan Giggs dabei. Dass wir mit Michael Ballack, Ze Roberto, Lucio oder Dimitar Berbatow, der heute für United spielt, ebenfalls eine richtig gute Mannschaft hatten, ging beinahe unter.

Im Gegensatz zu Schalke hatten wir etwas mehr Glück mit der Auslosung. Wir bestritten das erste Spiel in Manchester und hatten im Rückspiel Heimrecht. Bei Schalke ist das in diesem Jahr genau umgekehrt. Wenn man das erste Spiel auswärts bestreiten kann, ist das schon ein kleiner Vorteil wie ich finde. Und in einem Halbfinale der Champions League entscheiden oft Kleinigkeiten. Obwohl Schalke das Rückspiel im Old-Trafford-Stadion vor über 70 000 frenetischen englischen Fans bestreiten muss, halte ich die Mannschaft für stark genug, um das Finale zu erreichen. Warum auch nicht? Wer den Titelverteidiger Inter Mailand im Viertelfinale so souverän besiegt, der muss sich auch vor Manchester nicht verstecken.

Was man mit einer mutigen Spielweise gegen Manchester erreichen kann, war in unserem Fall zu sehen. Wir hätten schon im Hinspiel mehr verdient gehabt, aber am Ende war das 2:2 eine gute Ausgangsposition für das Rückspiel eine Woche später. Dass wir in Manchester bestanden hatten und nicht verloren, gab uns zusätzlich eine Menge Selbstvertrauen. Schließlich war das Old Trafford damals wie heute eines der Stadien, in denen ein Auswärtssieg beinahe unmöglich erscheint. Manchester spielt vor eigenem Publikum immer sehr druckvoll und wahnsinnig schnell nach vorn. Wir waren aber darauf vorbereitet und ließen United nur wenig Raum. Es ist sowieso schwierig, den Gegner in einem Halbfinale der Champions League zu überraschen. Die Mannschaften auf Topniveau kennen sich alle sehr gut und kaum ein Trainer kann den anderen mit einer taktischen Maßnahme oder einer personellen Entscheidung schocken.

Die Schalker werden also genau wissen, was auf sie in den zwei Spielen zukommt. Umgekehrt gilt das Gleiche. Ich finde es schon erstaunlich, wie viele Spieler heute noch bei Manchester aktiv sind, gegen die ich selber noch gespielt habe. Vor allem Ryan Giggs und Paul Scholes sind beeindruckend. Beide gehen auf die 40 zu und spielen immer noch auf höchstem Niveau. Schalke muss auf diese Zwei acht geben, gerade der listige Giggs ist immer für ein Tor gut.

Auch wir Leverkusener mussten im Rückspiel bei den Dribblings von Giggs ständig auf der Hut sein. Jeder kleine Fehler hätte das Aus bedeuten können. Manchester war durch den unbequem zu spielenden Roy Keane früh in Führung gegangen und wir benötigten mindestens den Ausgleich, um ins Finale zu kommen. Kurz vor der Halbzeit kam dann Oliver Neuville auf Höhe der gegnerischen Strafraumgrenze an den Ball und zog einfach ab. Der Ball sprang von der Unterkante der Latte hinter die Linie – was für ein Tor!

Die zweite Halbzeit wurde dann in jeder Beziehung ein Kraftakt für uns. Manchester rannte mit zunehmender Spielzeit immer wütender an und schlug vornehmlich lange Bälle in unseren Strafraum. Das ist vielleicht nicht kreativ, aber nicht selten effektiv. Irgendwie kann immer mal ein Ball durchrutschen. Das ist nicht nur körperlich, sondern auch mental sehr anstrengend. Wir waren alle so angespannt, dass ich es selbst nach dem Abpfiff kaum fassen konnte, dass wir im Finale stehen. Erst später setzte dieses Glücksgefühl ein.

Den Schalkern wünsche ich das Gleiche, Manchester ist nicht unschlagbar. Das hat sich bis heute nicht geändert.

Aufgezeichnet von Sebastian Stier

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