Manchester United : "Wo sind die anderen?" - "Die sind alle tot"

Vor 50 Jahren stürzte die Mannschaft von Manchester United in München ab. Eine Spurensuche auf dem früheren Rollfeld.

Sven Goldmann[München]
Flugzeug
Die abgestürzte Maschine in München-Riem. -Foto: dpa

Vor ein paar Wochen war Harry Gregg zu Besuch in Kirchtrudering. In die Wirtschaft wollten sie ihn einladen, aber Hans Wieser hat gesagt, das sei kein angemessener Rahmen. Also sind sie zu ihm ins Wohnzimmer, der Bauer Wieser und der frühere Fußballtorwart Gregg. Mit Hilfe einer Dolmetscherin haben sie geredet, dann sind sie hinaus auf den Acker. Dorthin, wo früher die Rollbahn des Flughafens München-Riem war. Harry Gregg ist noch einmal den Weg abgeschritten zur ehemaligen Abflughalle, die genauso unter Denkmalschutz steht wie der rote Tower. Gregg hat kein Wort gesagt, aber ein Blick in sein Gesicht genügte, um das Leid zu erkennen.

50 Jahre ist das jetzt her.

Der Bauer Hans Wieser war bei den Kühen im Stall, als der Tod nach Kirchtrudering kam. Noch heute hat er vor Augen, wie die drei Männer über den gefrorenen Acker taumelten. „Ein paar Schritte haben sie noch gemacht, dann sind sie umgefallen. Tot, einfach tot. So wie ein geköpfter Hahn, der noch ein paar Schritte tut.“

Bauer Wieser weiß nicht, wer die jungen Männer waren. Vielleicht Tommy Taylor, der großartige Mittelstürmer? Sein Teamkollege Liam Whelan, ein gottesfürchtiger Ire, der voraussah, dass der Tod nach Kirchtrudering kommen würde? Oder einer der Journalisten, ständige Begleiter der Mannschaft von Manchester United, die am 6. Februar 1958 auf dem Weg von Belgrad nach München war. Alles junge Burschen, nach ihrem Trainer Matt Busby nannte man sie die Busby-Babes. Bei jenem verhängnisvollen Stopp in München fanden vor 50 Jahren 21 Passagiere den Tod, unter ihnen acht Spieler von Manchester United. In England werden die Busby-Babes heute als beste Vereinsmannschaft aller Zeiten verehrt. United wurde im Schatten der Katastrophe zur Legende. Denn ein Klub, der so viel Unheil übersteht, muss mehr sein als nur ein Fußballverein.

Am 5. Februar 1958 spielt Manchester United im Europapokal bei Roter Stern Belgrad. Bobby Charlton schießt zwei Tore, United führt schnell 3:0 und ist am Ende doch mit einem 3:3 zufrieden, weil das zum Einzug ins Halbfinale reicht. Nach dem Spiel bittet die britische Botschaft zum Empfang. Jeder Spieler bekommt eine Flasche Gin, und dann wird gefeiert, so ausgelassen und so lange, dass sich am nächsten Morgen keiner darüber wundert, warum Stürmer John Berry seinen Pass im Hotelzimmer vergessen hat. Das Hotel schickt einen Boten zum Flughafen. Die Abreise verzögert sich um eine gute Stunde.

Es ist eine entscheidende Stunde.

Als Kapitän James Thain um kurz nach eins zum Tankstopp in München-Riem aufsetzt, schneit es schon, aber die Rollbahn ist noch weitgehend frei. In der Abflughalle werden heiße Getränke gereicht. Nach einer Stunde geht es zurück übers Flugfeld in die Maschine. Das Schneetreiben ist dichter geworden. Der Tower erteilt die Freigabe, Thain unternimmt einen ersten Startversuch und bricht ihn nach 40 Sekunden wieder ab, weil „Lord Burleigh“, so heißt das Flugzeug, nicht genug Tempo aufnimmt. Noch auf der Rollbahn untersucht der Pilot den Motor, er informiert die Passagiere über einen Defekt und dass er ihn behoben habe. Eine Viertelstunde später versucht er es erneut. Und bricht wieder ab. Jetzt müssen die Spieler aussteigen, sie erkennen im Schneetreiben kaum noch das Abfertigungsgebäude, zu dem sie eher hinüberschlittern als laufen.

Vom Postamt in Riem ruft der Reporter Alf Clarke beim „Manchester Chronicle“ an, er werde etwas später zurückkehren. Es ist das Letzte, was die Außenwelt von ihm hören wird.

Unter den Spielern ist die ausgelassene Stimmung von Belgrad längst verflogen. Duncan Edwards, 21 Jahre jung und das größte Talent des englischen Fußballs, schickt seiner Zimmerwirtin ein Telegramm. Edwards hat Angst, Flugreisen bekommen ihm nicht.

Harry Gregg und Bill Foulkes setzen sich nach vorn, gleich hinter die Piloten. Foulkes packt die Ginflasche aus Belgrad in das Fach über seinem Sitz.

David Pegg und Tommy Taylor tauschen ihre Plätze mit den vor ihnen sitzenden Bobby Charlton und Dennis Viollet. Sie fühlen sich im Heck sicherer. Liam Whelan, Jackie Blanchflower, Roger Byrne und Ray Wood überspielen ihre Nervosität mit einer Runde Karten über den Mittelgang hinweg. Der Ire Whelan sagt: „Wenn das das Ende sein sollte, bin ich bereit dafür.“ Es sind die letzten von ihm überlieferten Worte.

Um 15.02 Uhr erteilt der Tower zum dritten Mal die Starterlaubnis. Thain jagt die Maschine über die Rollbahn, sie gewinnt Tempo, aber auf dem letzten Drittel wird der Schneematsch immer tiefer. Thain passiert den „point of no return“, von dem an ein Abbruch des Startvorgangs kaum noch möglich ist. „Lord Burleigh“ gewinnt keine Höhe und durchschlägt den Zaum am Ende der Rollbahn.

Hinter dem Flugfeld liegt die Gärtnerei von Ernst Weber. Das Flugzeug säbelt die Kastanien vor dem Eingang ab, rast durch die Gärtnerei, direkt auf die Baracke zu, wo der Invalide Fritz Winkler ein Fuhrunternehmen betreibt. Vor der Baracke stehen zwei riesige Betonblöcke, Überbleibsel aus dem Krieg. Auf den Blöcken wurden die Scheinwerfer montiert für die Flakgeschütze, die dabei halfen, britische Kampfflieger abzuschießen. 13 Jahre später werden sie einem britischen Zivilflugzeug zum Verhängnis.

Die Blöcke schlitzen „Lord Burleigh“ an der rechten Seite auf. Wer hier sitzt, hat keine Chance. Kerosin tritt aus, Funken schlagen; plötzlich steht die Baracke in Flammen. Vier Passagiere verbrennen binnen Sekunden. Direkt hinter den vorn sitzenden Harry Gregg und Bill Foulkes zerbricht das Flugzeug in zwei Teile. Foulkes verspürt einen Schlag auf dem Kopf. Die Ginflasche aus Belgrad.

Harry Gregg wird in diesen Minuten zum Helden von München. Er sieht Roger Byrne, seinen Mannschaftskapitän, mit weit aufgerissenen Augen im Schnee liegen. Gregg wird später sagen, er habe es sich nie verziehen, dass er Byrne nicht die Augen geschlossen hat. Bobby Charlton ist mit seinem Sitz aus dem Flugzeug geschleudert worden. Gregg hält ihn für tot, er greift Charlton am Hosenbund und zerrt ihn weg von der Maschine, von der er denkt, sie werde explodieren. Das Gleiche macht er mit Dennis Viollet. Als er seinen Trainer Matt Busby auf den Armen trägt, sieht er, wie die tot geglaubten Charlton und Viollet durch das Schneetreiben taumeln. Gregg hat keine Zeit, dem lieben Gott zu danken. Er hastet zurück zum Flugzeug und rettet noch eine Mutter mit ihrem Kind aus dem Inferno.

Im Stall hört der Bauer Hans Wieser, wie jemand „Hilfe! Hilfe!“ schreit. Es ist der Gärtnerei-Besitzer Ernst Weber, der auf dem Weg vom Bahnhof Trudering nach Hause ist und sieht, wie sein Haus in Flammen steht. Die beiden springen in Wiesers VW und fahren die 500 Meter zum Unglücksort. Im Keller hat die Haushälterin gerade die Wäsche gebügelt. Unverletzt kommt sie aus dem Haus, geht ein paar Schritte mit den Männern und rennt schreiend zurück in den Keller: „Ich habe meine Handtasche vergessen.“ Dann kommt die freiwillige Feuerwehr aus Kirchtrudering. „In Riem gab es damals noch keine Feuerwehr“, sagt der Bauer Wieser. „Seltsam, was?“

Sieben Spieler sterben auf dem Acker von Kirchtrudering. Bill Foulkes und Harry Gregg sind die einzigen Spieler, die nicht ins Krankenhaus Rechts der Isar eingeliefert werden. Sie nehmen Quartier in einem Hotel, wo gerade eine Karnevalsparty steigt. Die Gäste wundern sich, warum die Fußballer nicht mitfeiern wollen. Zur selben Stunde kämpfen die Ärzte im Klinikum um das Leben der 23 Verletzten. Duncan Edwards kommt mit Brüchen und inneren Verletzungen auf den Operationstisch. Er wird an eine Nierenmaschine angeschlossen, mit schweren Medikamenten betäubt. Als Assistenztrainer Jimmy Murphy, der nicht im Flugzeug saß, an sein Krankenbett tritt, fragt Edwards nach der Anstoßzeit für das Spiel am Samstag gegen Wolverhampton. „Ich muss dabei sein.“ Murphy kämpft mit den Tränen, er streichelt Edwards Kopf und sagt: „Don’t worry, son.“ Das Spiel gegen Wolverhampton ist längst abgesagt. Foulkes kommt zu Besuch, er sieht nach Edwards, Charlton und fünf weiteren Kameraden. „Wo sind die anderen?“, fragt er eine Krankenschwester. Sie schüttelt den Kopf. „Die anderen sind alle tot.“

Tag und Nacht kämpft Professor Georg Maurer um die Überlebenden. Für Edwards wird eine künstliche Niere eingeflogen, er überlebt den kritischen zehnten Tag. Maurer staunt über den übermenschlichen Überlebenswillen des 21- Jährigen. Am 21. Februar ist der Kampf verloren. Um 2:15 Uhr erliegt Duncan Edwards seinen Verletzungen.

Bobby Charlton bleibt eine Woche im Krankenhaus, er hat Kopf- und Schnittverletzungen davongetragen und wird wenig später fast alle Haare verlieren. Matt Busby erhält zweimal die letzte Ölung. Um ihm die Aufregung zu ersparen, verschweigt man ihm das Ausmaß der Katastrophe. Als er das Schlimmste überstanden hat, fragt er einen Mönch: „Wie geht es Duncan Edwards?“ Der Mönch zögert einen Augenblick, bevor er antwortet: „Mein Sohn, ich muss Ihnen sagen, dass Duncan Edwards tot ist.“

Zehn Jahre später gewinnt United mit Foulkes und Charlton den Europapokal. Es ist Matt Busbys größter Erfolg. Körperlich hat er sich von München erholt, aber seine Freunde sagen, er sei nie wieder der Alte gewesen.

Kirchtrudering ist heute ein ruhiger Vorort, nachdem der Flughafen München-Riem 1992 geschlossen wurde. Der bayerische Landtagsabgeordnete Hermann Memmel hat sein halbes Leben lang dafür gekämpft, und er war es auch, der die Gedenkstätte unweit der Absturzstelle anregte. Ein hüfthoher Stein mit einem stilisierten Fußballfeld, entworfen von einem englischen Künstler. Bobby Charlton ist vor drei Jahren zur Einweihung nach Kirchtrudering gekommen.

Herbert Memmel hat als Initiator des Gedenksteins Dankesbriefe aus aller Welt bekommen. Bis heute beeindruckt ihn die Dankbarkeit der Engländer für die spontane Hilfe der Deutschen. „1958 waren die Beziehungen noch nicht so gut. Die dachten, wir wären alle Nazis – und sahen, dass wir Menschen waren. Den Professor Maurer hat ja sogar die Queen empfangen.“ Wenn englische Mannschaften in München spielen, ziehen ihre Fans zur Gedenkstätte und zum Feldkreuz, das die Gemeinde ein paar Schritte weiter aufgestellt hat. Zum 50. Jahrestag der Katastrophe gibt es am Mittwoch eine Gedenkfeier. 150 United-Fans haben sich angesagt auf dem kleinen Platz, den die Stadt Manchesterplatz nennen will.

Bauer Wieser, der am 6. Februar 1958 als Erster an der Unglücksstelle war, ist heute 78 Jahre alt und bestellt weiterhin seine Felder. Er hat der Stadt den Zipfel Land für den Gedenkstein zur Verfügung gestellt. Wie oft hat er noch die taumelnden Männer vor Augen? Die brennende Baracke, das Flugzeug ohne Flügel? „Immer, wenn ich mit dem Traktor vorbeifahre.“ Drei- oder viermal am Tag.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben