Manchester Uniteds Idol : Der Übervater Alex Ferguson tritt ab

Nach 26 Jahren hört Manchesters Legende Alex Ferguson auf. Nie hat ein Trainer einen Verein mehr geprägt als der ehrgeizige Schotte. Sein Nachfolger wird ein Landsmann, den er selbst bestimmt hat.

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Kommen und gehen. Sir Alex Ferguson (links) hört bei Manchester United auf, David Moyes (rechts) tritt seine Nachfolge an.
Kommen und gehen. Sir Alex Ferguson (links) hört bei Manchester United auf, David Moyes (rechts) tritt seine Nachfolge an.Foto: dpa

Alex Fergusons Nachfolger stand schon seit Wochen fest – der Schotte hat sich seinen Landsmann David Moyes, auch ein gebürtiger Glasgower und derzeit noch beim FC Everton tätig, persönlich ausgesucht. Wirklich überraschend war die offizielle Verkündung am Donnerstagnachmittag dann nicht mehr, doch sie geriet ein wenig zur Farce. Manchester United nannte Moyes auf der Facebook-Seite des Klubs als neuen Trainer, löschte die Nachricht aber wieder hastig, weil Everton den Abschied des 50-Jährigen zu dem Zeitpunkt noch nicht publik gemacht hatte. Einen Mitarbeiter in der Online-Abteilung des englischen Meisters dürfte der Fauxpas teuer zu stehen kommen. Aber man muss auch ein bisschen Verständnis haben – im Gegensatz zu anderen Fußballvereinen hat auf der Dienststelle im Old Trafford wohl niemand Erfahrung mit einem Trainerwechsel.

26 Jahre lange bekleidete Alex Ferguson das Amt bei den Red Devils. Mit dem Wort „Ära“ ist seine Zeit als der alle und alles dominierende Trainer auf der Insel nur ungenügend beschrieben. „Er ist der größte Vereinstrainer, den es je gegeben hat“, sagte Bryan Robson, früherer Kapitän von Manchester United, widerspruchslos. Am Donnerstag, dem Tag nach der Rücktrittsankündigung des 71-Jährigen, druckten alle großen Zeitungen Sonderbeilagen, wie es sie zuletzt nach dem Ableben von Margaret Thatcher gegeben hatte.

Nach seinem letzten Heimspiel am Wochenende, das Manchester 2:1 gegen Swansea City gewann, verabschiedete sich Ferguson mit einer emotionalen Rede vom Publikum. „Ihr wart das fantastische Ereignis in meinem Leben", sagte er. "Mein Ruhestand bedeutet nicht das Ende meines Lebens mit Manchester United. Ich werde die Spiele nun genießen können und nicht mehr erleiden.“ Dann grüßte er per Mikrofon seine elf Enkelkinder auf der Tribüne, und schließlich durfte er zum 13. Mal den Meisterpokal in die Höhe heben.

Seine Langlebigkeit und sein unendlicher Heißhunger auf Erfolg (34 große Titel) hievten den Sohn eines Glasgower Hafenarbeiters in den Status einer Legende. „Er hätte noch ewig weitermachen können, aber er hört aus Liebe zur Familie und gesundheitlichen Gründen auf“, erklärte United-Ikone Sir Bobby Charlton. Im Sommer lässt sich Ferguson, der seit 2004 einen Herzschrittmacher trägt, an der Hüfte operieren. Vom Krankenbett wollte er seinen Klub in den ersten Monaten der Saison nicht führen. „Ich habe die Entscheidung, in Ruhestand zu gehen, vergangenes Weihnachten getroffen", sagte Ferguson. "Die Dinge änderten sich, als die Schwester meiner Frau Cathy starb. Sie hatte ihre beste Freundin verloren: ihre Schwester. Außerdem wollte ich als Gewinner abtreten.“

Vor einem Monat, als sich der Gewinn des Ligatitels bereits abzeichnete, offenbarte Ferguson United-Geschäftsführer David Gill, dass es am Ende der laufenden Spielzeit nun tatsächlich genug sein würde. „Als Fan des Vereins war ich erst einmal enttäuscht“, sagte Gill, „aber dann dachte ich, ,gut für ihn‘. Wenn es jemand verdient hat, sich nach so einer erfolgreichen Saison zu verabschieden und den Anfang der Rente selbst zu bestimmen, dann ist das mit Sicherheit Sir Alex.“ Der Schotte tritt nach seinem 1500. Pflichtspiel auf der United-Bank in zehn Tagen als Meister ab, sein Vermächtnis bleibt damit intakt.

In Fergusons Billardzimmer stehen Büsten von John Wayne und Laurel & Hardy; er regierte, wie alle erfolgreichen Diktatoren, mit einer Mischung aus furchteinflößender Autorität und entwaffnendem Charme. Schiedsrichter und unliebsame Berichterstatter wurden von ihm systematisch drangsaliert. Unzählige Reporter wurden aus nächste Nähe angebrüllt oder aus den Pressekonferenzen verbannt, weil sie falsche oder richtige Geschichten aufgeschrieben hatten. Ferguson verstand jede veröffentlichte Insider-Information als Verrat eines Betriebsgeheimnisses und somit als Hilfestellung für den Gegner, er machte sich regelrecht einen Spaß, Fehlinformationen zu streuen. Noch am vergangenen Sonntag verkündete er im Stadionheft, dass er keineswegs vorhabe, seinem Team den Rücken zu kehren.

Nun hat er es doch getan, und es fällt schwer, sich eine Premier League ohne den Kaugummi kauenden, wild gestikulierenden Mann im schwarzen Mantel vorzustellen. An der Börse in New York fiel der Kurs der Man-U-Aktie am Mittwoch zwischenzeitlich um 4,5 Prozent, „Ich denke nicht, dass (Fergusons Nachfolge) eine unmögliche Aufgabe ist“, musste Geschäftsführer Gill versichern.

Der Übervater des Erfolgs bleibt dem Klub als Vorstandsmitglied und Botschafter erhalten, aber er wird dem Neuen am Anfang viel Raum und Zeit lassen, um aus seinem Schatten zu treten. United hat schon einmal, nach dem Rückzug von Meistermacher Sir Matt Busby in die Chefetage Anfang der siebziger Jahre, schlechte Erfahrungen mit einem zu geschäftigen ehemaligen Trainer gemacht. Ferguson wird diesen Fehler mit Sicherheit nicht wiederholen.

Moyes erhält einen Sechsjahresvertrag. In seinen elf Jahren zuvor bei Everton hat er zwar keine Titel gewonnen, rettete den Klub aber 2002 vor dem Abstieg und erreichte 2005 die Qualifikation zur Champions League. Dass er es seinem monolithischen Vorgänger auch nur ansatzweise gleichtun kann, wird bezweifelt. Von einem Ersatz kann sowieso nicht die Rede sein. Einen Mann wie Alex Ferguson, da sind sich Freund und Feind einig, wird es wohl nie wieder geben.

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