Sport : Mann mit Eigenschaften

Klaus Augenthaler kämpft in Nürnberg um seinen Trainerposten – wenn Hertha gewinnt, ist er ihn wohl los

Martin Hägele

Nürnberg. Die Frage, die man sich in Nürnberg stellt, heißt: Kann Trainer Klaus Augenthaler seine Mannschaft noch erreichen? Und glauben die Spieler ihrem Chef, dass er mit ihnen das Wunder vom letzten Mai noch einmal wiederholen kann, als sich der fränkische Traditionsklub unter ziemlich widrigen Voraussetzungen im letzten Augenblick den Verbleib in der Bundesliga gesichert hat? Wer den Spielern zuhört, wird davon überzeugt sein, dass das Verhältnis zwischen dem Ausbilder und seinen Profis intakt ist. Torwart Darius Kampa, mit Abstand der Souveränste in dem ziemlich verunsicherten Kader, verteidigt sogar den harschen und manchmal ehrverletzenden Tonfall, mit welchem sich der Weltmeister, siebenmalige Deutsche Meister, Libero und Kapitän des FC Bayern München über die Qualitäten seiner Mannschaft lustig macht.

Kampa: „Es ist doch die Aufgabe des Trainers, konstruktive Kritik zu üben.“ Wer dagegen erlebt hat, wie sich die Profis aus Franken vergangenen Sonntag beim 0:5 auf dem Betzenberg quasi kampflos ergeben haben, der kann sich nicht vorstellen, dass der alte Kämpfer Augenthaler dieser Truppe irgendetwas von seinem Charakter vermitteln kann. Mit weißen Taschentüchern haben die Anhänger ihre Elf verhöhnt, so wie sie in Spaniens Arenen den Torero verabschieden, wenn der vor dem Stier wegläuft.

Ob der Trainer nach drei Jahren dann auch am Montag noch Klaus Augenthaler heißt, wird man am Sonntag im Spiel gegen Hertha BSC wohl schon nach wenigen Minuten wissen: Falls sich die billig zusammengekaufte Legionärstruppe halbwegs wehrt, wird auch das Nürnberger Publikum noch einmal richtig mitmachen beim gemeinsamen Kampf gegen den Abstieg – andernfalls aber werden die „Clubberer“, wie die eingefleischten Fans des einstigen Rekordmeisters genannt werden, ihre ehemaligen Lieblinge noch schlimmer verspotten als im Fritz-Walter-Stadion.

Hertha BSC scheint sich auf solch angeschlagene Gegner und wackelnde Trainer spezialisiert zu haben. Präsident Wildmoser nahm vergangene Woche jedenfalls das 0:6 der Münchner „Löwen“ im Berliner Olympiastadion zum Anlass, den Österreicher Peter Pacult zu feuern und durch Falko Götz zu ersetzen. Auch beim Aus für den eisernen Hans Meyer hatten die Berliner Profis ihre Beine mit im Spiel gehabt – nach dem 2:0-Auswärtssieg am Bökelberg ging dort die Demontage der Kultfigur richtig los. Was im Fall des 1. FC Nürnberg allerdings dem Berliner Manager Dieter Hoeneß sehr leid täte. Augenthaler und der jüngere der Hoeneß-Brüder sind sehr eng befreundet. Als sich Dieter im Rahmen seiner Geburtstagsfeier anfang Januar für die „riesige Unterstützung durch einige wichtige Hertha-Leute“ bedankte, wurde dessen Rede durch einen lauten Zwischenruf Augenthalers unterbrochen: „Solche Leute könnte ich in Nürnberg auch brauchen.“

„Auge“ spürt offenbar schon länger, dass er in seinem Präsidenten Michael A. Roth keinen großen Fürsprecher mehr hat. Besonders geschickt war das öffentlich gestellte Ultimatum an den Trainer jedenfalls nicht. Der kleine Teppichkönig mag ja ein erfolgreicher Unternehmer in dieser Branche sein – was Fußball und den 1. FC Nürnberg betrifft, so unterlaufen dem Gernegroß dabei dilettantische Fehler. Man sollte in solchen Krisen seinen Sportchef nicht coram publico zum Rauswurf freigeben, und wenn schon solch ein Notplan existiert, sollte der Name des Nachfolgers nicht schon Tage zuvor durch die Nürnberger Gazetten geistern.

Dass der dann Winfried Schäfer heißen soll, bestätigt erst recht die Ahnungslosigkeit des Michael A. Roth. Denn außer dem Klubboss aus der Lebkuchenstadt weiß wohl ein jeder Fußball-Experte in Deutschland, warum der „Rote Winni“ zuletzt in der Bundesliga keine Chance mehr bekam. Zu empfehlen wäre: Einfach mal nachfragen beim VfB Stuttgart oder dem letzten Rest, der in Berlin bei Tennis Borussia nach dem Abenteuer Schäfer noch übriggeblieben ist.

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