Sport : Mann ohne Nerven

Allen Johnson kann beim Istaf Weltrekord über 110 m Hürden laufen, vielleicht spielt er kurz zuvor wieder lässig Fußball

Frank Bachner

Berlin. Allen Johnson spielte lässig Fußball. Er kickte eine zerbeulte Coladose über den Rasen, und er hatte mächtig Spaß dabei. Er hatte sonst offenkundig nicht viel zu tun. In Kürze würde im Stadion von Athen bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft ja auch nur das Finale über 110 m Hürden stattfinden. Für Johnson war Bahn drei vorgesehen, seine Konkurrenten dehnten sich oder übten Starts, Allen Johnson aber behandelte mit dem Außenrist eine Coladose. Kurz darauf war er Weltmeister. Er hatte vier Hürden gerissen, deshalb lief er nicht Weltrekord, sondern verpasste ihn mit seinen 12,96 Sekunden um fünf Hundertstelsekunden.

Vielleicht sagt diese Szene von 1997 am meisten aus über den Sportler Allen Johnson aus Washington D.C. Diese lässige Selbstsicherheit, die Nervenstärke und Wettkampfhärte, dies alles macht Allen Johnson zu einem der besten Hürdensprinter der Welt. Für Uwe Hakus, den Chef-Trainer der deutschen Sprinter, ist er sogar der derzeit beste. „Allen kann Weltrekord laufen“, sagt Hakus, „bei der Weltmeisterschaft in Paris auf jeden Fall.“ Johnson läuft auch beim Istaf (Sonntag, 14 Uhr, Jahn-Sportpark), kann er dort auch schon Weltrekord sprinten? „Klar“, sagt Hakus. Johnson lief Anfang Juli in Paris 12,97 Sekunden. Seine Bestzeit liegt bei 12,92 Sekunden; der Brite Colin Jackson lief bei seinem Weltrekord nur eine Hundertstelsekunde schneller. Beim Istaf startet auch Stanislav Olijar aus Lettland, 23, einer der jungen Wilden im Hürdensprint. Vermutlich Johnsons härtester Konkurrent. Er könnte den US-Amerikaner zum Rekord treiben.

Johnson ist dreimaliger Weltmeister (1995, 1997, 2001), er ist Olympiasieger (1996), er ist seit Jahren ein Star der Hürden-Szene, aber er ist in diese Rolle konsequent reingewachsen. Er ist nicht über Nacht ganz vorn aufgetaucht wie Maurice Greene, der 100-m-Star. Johnson hat sich konsequent nach oben gearbeitet, bescheiden und hoch diszipliniert.

Hakus hatte ihn vor Jahren kennen gelernt. Johnson war in Berlin, sein erster Deutschland-Aufenthalt. Hakus traf ihn bei der „Olympischen Nacht“, dem Hallen-Meeting. Johnson durfte nicht starten, obwohl er gerade in Madrid 7,55 Sekunden über 60 m Hürden gesprintet war. Aber das reichte nicht für einen Start in Berlin. Er kam mit Hakus in Gespräch und fragte ihn, ob er ihm einen Start ermöglichen könnte. Hakus konnte nicht, aber er nahm Johnson und seinen Trainer mit in sein Büro im Olympiastützpunkt. Hakus war auch Leistungsdiagnostiker, und in seinem Büro analysierte er das Video von Johnsons Lauf in Madrid. Der US-Amerikaner saß stumm daneben und lauschte konzentriert. Sein Trainer auch. Solche technischen Möglichkeiten wie in Hakus’ Büro hatte er noch nie gesehen. Hier wurde sein Lauf in alle Einzelheiten zerlegt, er erfuhr detailliert seine Fehler. Und Hakus fiel dieser Wille zum Lernen auf. Damals dachte er sich: „Das wird mal ein Großer.“

Johnson analysiert immer noch seine Läufe akribisch. Auch als 32-Jähriger, auch als Weltmeister und Olympiasieger. Diese Suche nach dem perfekten Lauf ist einer der Gründe dafür, dass der US-Amerikaner immer noch zur Weltspitze gehört. Er ist an einer Universität angestellt, er hat dort genügend technische Möglichkeiten. Aber der Olympiasieger tritt nicht auf wie ein Star. Er ist keiner dieser extrovertierten Typen wie etwa Greene, die sich permanent inszenieren. Johnson ist selbstsicher genug, um vor einem WM-Finale Fußball zu spielen, er ist umgänglich und bodenständig genug, um sich bei den Olympischen Spielen in Sydney bei Hakus interessiert nach dem verletzten Mike Fenner zu erkundigen, obwohl er ihn kaum kannte. Fenner ist in Deutschland ein Spitzensprinter, aber nicht in der Welt. Johnson fiel seine Abwesenheit trotzdem auf. Und Hakus ist von der Szene mit der zerbeulten Coladose noch heute beeindruckt.

Der US-Amerikaner bedankt sich auch artig, wenn ihm ein deutscher Trainer gefälligkeitshalber Hürden aufstellt. In Sydney stieß er auf dem Trainingsplatz zu den deutschen Hürdensprintern, als die gerade Starts übten. Er fragte höflich, ob er mitlaufen dürfe. Die Deutschen sagten „ja“. Von einem wie Johnson konnten sie ja schließlich noch einiges lernen. Und Johnson klinkte sich ein. Aber vorher machte er auf der Tartanbahn erst noch einen Handstand.

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