Sport : Mann ohne Schwächen

Axel Schulz über Box-Weltmeister Wladimir Klitschko, der in Las Vegas seinen Titel verteidigen will

Michael Rosentritt

Berlin. Axel Schulz hat seine wahre Berufung gefunden. Er spricht jetzt nur noch über das Boxen. Erlebt hat er ja eine ganze Menge im Ring, der deutsche Schwergewichtler, den sie nach zig nicht gewonnenen Titelkämpfen den weichen Riesen aus Frankfurt an der Oder nannten. Er hat einigen der Großen der Branche gegenübergestanden. Henry Akinwande, George Foreman, François Botha und Michael Moorer – allesamt frühere oder spätere Weltmeister. Wenn in der Nacht auf Sonntag der Amerikaner Jameel McCline in Las Vegas den in Hamburg lebenden Ukrainer Wladimir Klitschko als Weltmeister der WBO herausfordert, wird Axel Schulz ganz in sich ruhend im Sessel vor dem Fernseher sitzen. Das ZDF wird den Kampf ab vier Uhr live in Deutschland ausstrahlen. Axel Schulz wird vermutlich ein breites Grinsen über das Gesicht huschen. Er hat die Tracht Prügel, die auf McCline wartet, schon hinter sich.

„Ich werde jetzt ins Hotel fahren und meinen Kopf etwas kühlen.“ Das war der erste vernehmbare Satz, den Axel Schulz sprach, nachdem er Wladimir Klitschko vor die Fäuste gekommen war. Das war vor ziemlich genau drei Jahren. Sieben Runden lang wurde Schulz vom Koloss aus Kiew weich geklopft. In der achten Runde ging Schulz schwer k.o. Nach den Schlägen von Klitschko hatte Schulz die Gewissheit, die ein Boxer braucht, um für immer in Deckung zu bleiben. Er beendete seine Karriere.

„Wladimir bringt alle Voraussetzungen mit, um über Jahre hinaus das Schwergewicht weltweit zu beherrschen“, sagt Schulz. „Seine Stärken hat er in der langen Distanz. Seine linke Führungshand ist überragend.“ Im Unterschied zu seinem fünf Jahre älteren Bruder Witali ist Wladimir (26) „sehr viel schneller und beweglicher und daher der elegantere Boxer“. Axel Schulz kann kaum Schwächen entdecken beim „schönsten Boxer seit Ali“ (Larry Merchant, der berühmteste TV-Kommentator der USA). Mag sein, dass ihm noch die Erfahrung aus den ganz großen Kämpfe fehlt. „Denn nur da lernst du, schwierige Kampfsituationen zu überstehen“, doch aus seiner einzigen Niederlage gegen den Amerikaner Ross Puritty vor vier Jahren habe er gelernt. Schwierigkeiten könnte Wladimir eigentlich nur im Duell mit sehr viel kleineren, beweglichen Gegnern bekommen. Es könnte sein, dass er schwer eine Distanz zu einem solchen Gegner aufbaut, weil dieser sich Klitschkos langer, linken Führungshand entzieht. „Aber keine Angst“, sagt Schulz. „McCline ist auch zwei Meter hoch.“

Im Unterschied zu den Künsten Witali Klitschkos gerät Schulz im Falle Wladimirs ins Schwärmen. Vor allem im Vergleich zu den Möglichkeiten seines Bruders, der im kommenden März gegen Lennox Lewis, den dominanten Schwergewichtler der letzten fünf Jahre, boxen soll, wird deutlich, über welche Vorzüge Wladimir Klitschko verfügt. Witali sei sehr statisch, „ein klassischer Geradeausboxer, der ausschließlich auf Kraft setzt“. Der ältere und um zwei Zentimeter größere Bruder Wladimirs lasse oft die Arme unten, um den Gegner zu provozieren. Durch seine Größe ist dieser zwar auf der langen Distanz schwer zu treffen, doch er verfüge lange nicht über das Schlagrepertoire wie sein Bruder. Wladimir gehe viel mehr auf einen Gegner ein. Der studiert ihn, liest dessen Taktik und stellt seinen eigenen Stil so ein, dass er diesen seinem Gegner aufzwingen kann. „Wenn er zu Beginn des Kampfes erkennt, dass sein Gegner nicht schon in der dritten Runde fällt, plant er um. Dann fällt er eben in der elften Runde“, sagt Schulz. Diese Fähigkeit könne man auch bei Lennox Lewis beobachten. Der sehe oft in der ersten Runde „sau schlecht aus, aber spätestens ab der nächsten weiß er, was zu tun ist“. Es gebe nur ganz wenige Boxer, die sich in kürzester Zeit umstellen könnten.

Wladimir Klitschko sagte mal über sich und seinen Bruder: „Wir haben ein ganz enges Verhältnis, sind aber sehr verschieden.“ Man könne sie mit einem Baum vergleichen. „Der Stamm ist identisch, aber die Äste wachsen in unterschiedliche Richtungen.“

Die Richtung für beide Klitschkos ist vorgezeichnet. Ihr Manager, der Hamburger Klaus-Peter Kohl, hat erkannt, dass er mit beiden in die USA muss, um den Jackpot im Boxen zu knacken. Witali wird deshalb gegen Lennox Lewis im kommenden März, spätestens im April boxen. Für ihn werde es ganz schwer, diesen Kampf zu gewinnen, meint Axel Schulz. Der mittlerweile 37-jährige Lewis könnte noch einmal gegen Mike Tyson kämpfen, den er vor einem halben Jahr auseinander genommen hatte. Der Engländer könnte dann auf Wladimir Klitschko treffen. Thema für diesen Kampf sollte sein: „Die Rache des Bruders.“ So etwas lieben die Amerikaner. Die Dramaturgie ist exzellent.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben