Sport : Mann über Bord

Skipper Russell Coutts sorgt beim America’s-Cup-Sieger Alinghi für Unruhe

Ingo Petz

Nach ihrem größten Triumph saß die neuseeländisch-schweizerische Männerfreundschaft vor den Journalisten, die aus aller Welt nach Neuseeland gekommen waren, um das Wunder von Alinghi zu bestaunen. Der weltbeste Segler Russell Coutts und der Schweizer Milliardär Ernesto Bertarelli hatten im März 2003 mit ihrem gleichnamigen Teams den Neuseeländern in Auckland den America’s Cup abgenommen und ihn erstmals nach Europa geholt. Die Männer versicherten sich gegenseitig, dass man Gewaltiges geleistet habe, dass man den America’s Cup modernisieren und ihn gemeinsam verteidigen möchte. Niemand in der Segelszene zweifelte damals an diesen Worten, die natürlich auch in Siegerlaune gefallen waren. Nun, 18 Monate nach dem Erfolg mit der Alinghi, ist die Männerfreundschaft offenbar Vergangenheit.

Bertarelli ließ kürzlich in einem Interview mit dem britischen „Daily Telegraph“ durchblicken, dass es Probleme zwischen ihm und seinem erfolgreichen Skipper gebe, und dass er alles tun wolle, um den Weggang von Coutts zu einem Konkurrenzteam zu unterbinden. Coutts hat sich bislang noch nicht öffentlich geäußert. Bei einem Vergleich vor kurzem mit BMW Oracle in den USA war der Neuseeländer zwar vor Ort, aber nicht hinter dem Steuer. Stattdessen segelten der Deutsche Jochen Schümann und Peter Holmberg – ohne Chance. Das Megateam des Software-Milliardärs Larry Ellison, das im Louis Vuitton-Cup im Februar 2003 noch auf dem Weg in den America’s Cup von Alinghi gestoppt worden war, gewann die Regatta klar mit 16:6-Rennen.

„Coutts segelt schon seit Juli vergangenen Jahres nicht mehr mit uns. Es ist ein persönliches Problem zwischen ihm und dem Syndikats-Chef Ernesto Bertarelli. Alinghi wird daran nicht zerbrechen, und unsere neuseeländischen Segler werden uns auch nicht weglaufen“, sagte der dreimalige Olympiasieger und Alinghi- Sportdirektor Schümann bei der Kieler Woche. Dass er damit Recht hat, ist zu bezweifeln. Schließlich herrscht bei den übrigen Neuseeländern im Team ein großes Solidaritätsgefühl gegenüber Coutts. Zudem: Coutts wird gemeinhin als der entscheidende Faktor für ein erfolgreiches Cup-Syndikat bezeichnet. Wer ihn hat, gewinnt. Für Schümann, der auch Teamchef des deutschen Segel-Olympiateams ist, würde Coutts Ausfall bedeuten, öfter am Steuer zu stehen.

Es wird gemunkelt, die plötzliche Alinghi-Verdrossenheit von Coutts habe damit zu tun, dass er bei der Gestaltung des nächsten America´s Cup nur wenig Mitspracherecht hatte. Denn die Organisation liegt in der Hand des Ex-Alinghi- Mannes Michel Bonnefous, mit dem Coutts scheinbar auch persönliche Probleme hat. Zudem soll Coutts, der dreimalige Cup-Gewinner, Lissabon als Austragungsort des 32. Auflage favorisiert haben. Die Wahl fiel jedoch auf den spanischen Konkurrenten Valencia.

Das Segel-Fachorgan „Yacht“ berichtete nunmehr über Gerüchte, dass Coutts zusammen mit dem erfahrenen Paul Cayard (USA) einen neuen Super-Segelwettbewerb plane, der selbst den America’s Cup in den Schatten stellen soll. Tatsache ist momentan, dass vor allem BMW Oracle Racing, für die der neuseeländische Segel-Exzentriker Chris Dickson am Steuer steht, kräftig aufgerüstet hat. Im Mai wurde ein spektakulärer Deal zwischen BMW und Oracle unterzeichnet. Danach bringen die Bayern geschätzte 50 Millionen Euro und Knowhow in die Technologie-Schlacht ein. Damit hat BMW, das zudem vier hauseigene Ingenieure zur Entwicklung der neuen Schiffe abstellt, seinen Anteil seit 2002 mehr als verdoppelt. Zudem hat sich Syndikatleiter Larry Ellison den Steuermann John Kostecki ins Boot geholt, der beim Volvo-Ocean-Race siegte.

Der Vorsprung der beiden eingespielten und schwerreichen Megateams Alinghi (die Schweizer sollen ihren Etat um 40 Prozent auf 90 Millionen Euro erhöht haben) und BMW Oracle ist damit noch größer geworden und schreckt vor allem neue Teams ab. Alinghi hatte ursprünglich mit 18 Teams für den nächsten America’s Cup 2007 gerechnet, bisher sind drei Teams offiziell gemeldet. Die größte Überraschung ist, dass Neuseeland wieder starten wird. Damit hatte kaum jemand gerechnet, nachdem das Team New Zealand mit einer desaströsen Kampagne im 31. America’s Cup gescheitert war. Nun greift die Fluglinie Emirates den zweimaligen Cup-Siegern krätig unter die Arme. Mehr als 20 Millionen Euro sollen in das neue Emirates Team New Zealand fließen. Fast 20 Millionen Euro kommen vom neuseeländischen Steuerzahler. Rund 80 Millionen Euro soll die Kampagne am Ende kosten.

Bis 2007 ist allerdings noch eine lange Zeit, die bisher vom präzise laufenden Alinghi-Uhrwerk diktiert wurde. Es gibt im Moment nur einen, der diese Mechanik entscheidend beschädigen kann. Der hat dem America’s Cup mit seinem Weggang vom Team New Zealand nach der Titelverteidigung 2000 schon mal eine entscheidende Richtungsänderung gegeben. Russell Coutts wird nicht ohne Grund „Mr. America’s Cup“ genannt.

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