Sport : Mannschafts-Kollaps

Viele Bundesliga-Teams litten wie die Bienenvölker

Wolfram Eilenberger

Auf einmal sind sie verschwunden: der Zusammenhalt, die Struktur, der Wille, die Abwehrkraft, das Zusammenspiel. Ein vormals feinst aufeinander abgestimmtes, hoch leistungsfähiges Kollektiv kollabiert und ergibt sich binnen weniger Stunden in die Selbstauslöschung. Der Schaden geht schon jetzt in die Hunderte von Millionen. Die Wissenschaft steht vor einem Rätsel. Colony Collapse Disorder (CCD) haben die Forscher jenes mysteriöse Phänomen getauft, das derzeit die Bienenvölker der westlichen Welt hinwegrafft. Gut ein Drittel des Gesamtbestandes fiel der unheimlichen Störung bereits zum Opfer. Tendenz steigend.

Wer würde da nicht sofort an die Fußball-Bundesliga denken. Denn was die Fans in der Spielzeit 2006/2007 gewahrten, waren ja keine Leistungsschwankungen oder Krisen im bekannten Sinne, sondern vielmehr der wiederholte, plötzliche und völlige Kollaps ganzer Mannschaften. In Anlehnung an das rätselhafte Bienensterben ließe sich von einer grassierenden Mannschafts-Zusammenbruchs- Störung (MZS) sprechen. Mehr als die Hälfte aller Vereine war in dieser Saison von der MZS betroffen. Als erstes erwischte es Hannover, dann Hamburg, bald Mönchengladbach, Mainz und Dortmund, in der Rückrunde brachen erst Hertha, dann Bayern und Aachen, schließlich Bremen und zu guter Letzt auch Schalke 04 rätselhaft in sich zusammen.

Was anfänglich noch als unglückliche Häufung erschien, gilt es mittlerweile als einen das Gesamtsystem bedrohenden Trend zu erkennen. Ganz offenbar sind die komplexen Kollektive – Bienenstöcke wie Profiteams – immer weniger in der Lage, Störungen und Umweltschwankungen zu kompensieren. Eine erste Hilfe zum besseren Verständnis der Mannschafts-Zusammenbruchs-Störung könnte Bernard Mandevilles Werk „Die Bienenfabel – Private Laster und öffentliche Vorteile“ bieten. In diesem Klassiker der Sozialphilosophie geht der Autor der Frage nach, welche Mischung aus ruchloser Selbstsucht und aufopfernder Tugendhaftigkeit einer Gemeinschaft die höchste Leistungskraft verspricht. Nicht genug kann Mandeville vor dem gutmenschlichen Trugschluss warnen, ganz und gar auf Harmonie und selbstlosen Kollektivsinn aufgebaute Gemeinschaften müssten sich als die stabilsten und leistungsstärksten erweisen. Eine Fehlvorstellung, die in der Vorrunde Thomas Dolls HSV sowie Jürgen Klopps Mainzer Jungs den Totalzusammenbruch bescherte.

Ohne grundgesunde und kompromisslos vorgehende Egoisten geht in menschlichen Gemeinschaften gar nichts. Was allerdings geschieht, wenn dieser produktive Selbstverwicklungsdrang aller von der blinden Selbstsucht einzelner gehemmt wird, war an den Zusammenbrüchen von Hertha und Aachen beispielhaft zu studieren. Diese Mannschaften wurden zu Geiseln ihrer stärksten Individuen. Interessante Mischfälle bilden die späten Selbstzerstörungen der einstigen Branchenführer Bayern München und Werder Bremen. Anfänglich ganz im Zeichen der Gemeinschaftslogik stehend und bald als allzu brave Freundeskreise kritisiert, lösten sich die Männer just in dem Moment, als es wirklich kritisch wurde, in eine Ansammlung entfremdeter und eifersüchtiger Einzelkämpfer auf. Und Schalke? Für Schalke gibt es keine Theorie.

Was Stuttgart die Meisterschaft bescherte, war jedenfalls nicht etwa unbestrittene Dominanz oder konstant gute Leistung. Stuttgart wurde Meister, weil es als einziges ambitioniertes Teams den totalen Zusammenbruch zu vermeiden wusste. So sieht wahre Größe heute aus.

Freilich, auch in Sachen MZS ist nach der Saison vor der Saison. Schließlich ist es schon mehr als einem jungen Meisterimker geschehen, dass er sich als zukunftsfroher Held schlafen legte, um am nächsten Morgen den eigenen Stock verlassen vorzufinden. Die Waben leer und kalt, seine Zucht in alle Himmelsrichtungen zerstreut.

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