Mannschaftszeitfahren bei der Tour de France : 32 Minuten am Anschlag

Bestmögliche Anpassung des menschlichen Körpers an die Gesetze der Aerodynamik: Beim 28 Kilometer langen Mannschaftszeitfahren der Tour de France sind alle Fahrer gefordert.

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Vorteil Quintana? Der Kolumbianer könnte im Teamzeitfahren Boden gutmachen.
Vorteil Quintana? Der Kolumbianer könnte im Teamzeitfahren Boden gutmachen.Foto: dpa

Die Oberkörper im spitzen Winkel von den Beinen abgeknickt, sodass sie parallel zur Fahrbahn liegen, die Arme tiefer als das Gesäß, den Kopf geneigt, um den geringsten Luftwiderstand abzugeben – so jagen die Profis der Tour de France während des Mannschaftszeitfahrens am Sonntag über den Parcours von Morbihan nach Plumelec. Gut eine halbe Stunde lang müssen sie in dieser Position aushalten. 32 Minuten gibt Tourorganisator ASO als Richtzeit für die 28 Kilometer vor. 32 Minuten lang Anpassung des menschlichen Körpers an die Gesetze der Aerodynamik.

Den Körper in die richtige Position zu bringen, ist das eine. Ihn dort zu halten und über eine halbe Stunde lang die beste Performance aus dem Organismus herauszuholen, das andere. Im Gegensatz zum Einzelzeitfahren kommt noch hinzu, dass der Fahrer hier nicht selbst das Tempo bestimmt. Er ist eingespannt in einen neunzylindrigen Motor, für den er selbst einen Zylinder darstellt, der den ganzen Apparat in einer möglichst gleichmäßigen Geschwindigkeit vorwärts bringen soll. „Beim Mannschaftszeitfahren darfst du nicht ruckeln. Du musst möglichst konstant fahren und einen guten Rhythmus finden“, erklärt Rolf Aldag, Entwicklungsdirektor bei Etixx Quick Step. Für die Fahrer bedeutet dies eine Qual, besonders für die, die im Zeitfahren nicht so gut sind. Sie müssen, wenn sie plötzlich in der ersten Position im Wind sind, das Tempo halten, das ihre Kollegen vorgegeben haben.

Die unterschiedliche Leistungsstärke entscheidet schließlich darüber, wie lange der Einzelne in der Führungsposition arbeitet. Exzellente Zeitfahrer werden länger führen als ihre Kollegen. Doch die, die nur kurz im Wind sind, sind ebenfalls wichtig. Sie geben den Stärkeren die notwendigen Erholungspausen. Sie sind auch für das Resultat entscheidend, denn die Zeit wird nach dem fünften Fahrer genommen. Sollten Teams durch die Stürze der ersten Woche weniger als fünf Fahrer haben, wird die Zeit nach dem letzten der Gestarteten gewertet.

Das Mannschaftszeitfahren endet mit einem Anstieg

„Das ist das größte Problem dieser Etappe. Kann man bei neun Mann noch aggressiv ins Rennen gehen, müssen Mannschaften, die Fahrer verloren haben, ihr Tempo an den Schwächsten ausrichten“, sagt Aldag. Nach dem Ausfall von Tony Martin hat auch er dieses Problem. Ohnehin wiegt der Verlust des Zeitfahrspezialisten schwer für die Mannschaft. „Mechanisch gesprochen haben wir uns von einem 12-Zylinder-Motor auf einen 4-Zylinder-Turbo reduziert, der zwar hohe Drehzahlen produziert, aber ein geringeres Drehmoment hat“, wagt Aldag einen technischen Vergleich. Ein Tagessieg ist für den früheren Mannschaftsweltmeister daher unwahrscheinlich.

Als Favoriten benennt Aldag eher Team BMC und die Rennställe der Tourmitfavoriten Chris Froome (Sky) und Nairo Quintana (Movistar). Bei Sky schränkt er aber ein: „Die haben in der letzten Zeit kein Mannschaftszeitfahren mehr gewonnen. Das schlägt sich irgendwann auf die Psyche nieder.“ Movistar-Manager Eusebio Unzue spekuliert daher schon damit, dass sein Kapitän Quintana im Teamzeitfahren etwas an Boden auf Spitzenreiter Froome gutmachen könnte.

Weil dieses Zeitfahren mit einem Anstieg endet, sind ohnehin nicht nur Fahrer gefragt, die Tempo bolzen können, sondern auch solche mit Kletterfähigkeiten. Die Justierung des richtigen Tempos ist wegen des anspruchsvollen Parcours daher noch schwieriger. Auf die Schwächsten im Team kommt es dabei noch aus einem anderen Grund an. Studien des holländischen Aerodynamikers Bert Blocken ergaben eine Reduzierung des Luftwiderstandes um 2,3 Prozent durch den Letzten des Zeitfahrteams für seinen Vordermann. Die Luftverwirbelungen schieben den Vordermann. Wer von Morbihan nach Plumelec keine Führungsarbeit mehr leisten kann, fungiert für sein Team zumindest noch als rückwärtiger Windbrecher.

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