• Manuel Neuer vor dem Viertelfinale: "Zur Not schieße ich gegen Italien einen Elfmeter"

Manuel Neuer vor dem Viertelfinale : "Zur Not schieße ich gegen Italien einen Elfmeter"

Manuel Neuer spricht im Interview über sein Vorbild Buffon und den Wert des ersten Tors im Viertelfinale gegen Italien. Und er erzählt, warum das Jahr 2012 kein gutes für ihn war.

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Manuel Neuer freut sich auf ein tolles Duell gegen Italien.
Manuel Neuer freut sich auf ein tolles Duell gegen Italien.Foto: imago sportfotodienst

Herr Neuer, im März hat Italien beim 1:4 gegen Deutschland keine Chance gehabt. Sind Sie überrascht, dass die Italiener jetzt im Viertelfinale stehen?

Nein, Italien zeigt bei Turnieren immer ein anderes Gesicht als in Testspielen oder in der Qualifikation. Wie sie aber jetzt gegen Spanien gespielt haben, das war schon sehr gut. Sie waren bestimmt gut eingestellt auf das Spiel, die taktischen Vorgaben ihres Trainers Conte haben gegriffen. Das hat einige Fußballexperten überrascht.

Ein Grund für das Weiterkommen waren die starken Leistungen von Torhüter Gianluigi Buffon, der schon auf die 40 zugeht. Können Sie sich auch vorstellen, noch in zehn Jahren im Tor zu stehen?

Das ist schwer zu sagen. Man muss auf seinen Körper hören und schauen, ob man dann noch in der Lage ist, der Mannschaft zu helfen. Bei Gigi klappt das perfekt. Er ist fit, man sieht ihm sein Alter nicht an.

Wie gut kennen Sie sich?

Ich habe ja schon einige Mal gegen ihn gespielt, dann haben wir immer miteinander geredet, er war immer sehr freundlich und fair, egal, wie die Spiele ausgingen, auch als er mit Juventus in der Champions League gegen uns Bayern ausgeschieden ist.

Buffon wurde vor Ihnen viermal Welt-Torhüter. Haben Sie sich mal etwas abgeschaut von ihm in jüngeren Jahren?

Gigi liefert seit zwei Jahrzehnten Topleistungen ab. Er gehörte zu meinen Vorbildern. Er strahlt eine unglaubliche Ruhe aus, wenn er auf dem Platz steht. Klar kennt er die Jungs, die vor ihm stehen, sie spielen ja auch gemeinsam bei Juventus. Er hat eine sehr gute Strafraumpräsenz, er redet viel, ist sehr gut auf der Linie.

Sind Sie auch schon mal auf den Querbalken gesprungen wie er zuletzt nach dem Sieg über Spanien?

Das war noch in der Kindheit, in der E-Jugend, bei den kleineren Toren. Da habe ich es mal versucht (lacht).

Aber Sie haben gesehen, wie er zwei Versuche benötigte?

Ja, den ersten Versuch habe ich bis jetzt noch nicht gesehen, aber davon gehört. Jetzt wird es bestimmt zum Klassiker, dass er das nach jedem Sieg so machen muss und die Jungs ihn dann auffangen müssen.

Wie werden Sie sich auf das Spiel gegen Italien vorbereiten, vielleicht auch auf ein Elfmeterschießen?

Ich bereite mich vor wie immer. Ich analysiere die Offensivspieler, die Standardsituationen, dazu gehören ja auch die Elfmeter. Da muss man seine Hausaufgaben schon erledigen. Aber am Ende entscheidet immer der Spieler, wohin er den Ball beim Elfmeter schießt. Und nicht der Torwart.

Sie verlassen sich in Stressmomenten auf Ihre Intuition?

Klar ist es wichtig zu wissen, wie ein Spieler zuletzt geschossen hat. Aber ich habe ja ein paar Elfmeterschießen mitgemacht, da stütze ich mich auf meine Erfahrungen.

Würden Sie einen Elfmeter schießen?

Grundsätzlich würde ich mich erst bereiterklären, wenn die Spieler sich nicht freiwillig melden. Mein Job in einem Elfmeterschießen ist, mich auf das Wesentliche als Torwart zu konzentrieren. Aber wenn Angst bestehen sollte bei dem einen oder anderen, dann schieße ich.

Sie haben seit fünf Spielen kein Gegentor bekommen. Was macht die deutsche Abwehr so stark?

Wir haben gute Defensivspieler, die wissen, worauf es ankommt. Wir sprechen viel miteinander und versuchen durch viel Ballbesitz den Gegner von unserem Tor wegzuhalten. Ich bin ja einer, der auch ganz gern im Spiel ist, aber wenn alle ihren Job perfekt erfüllen und nicht so viel auf mich zukommt, ist es okay für mich.

Zwei, die sich schätzen. Manuel Neuer (l.) und sein italienischer Torwartkollege Gianluigi Buffon.
Zwei, die sich schätzen. Manuel Neuer (l.) und sein italienischer Torwartkollege Gianluigi Buffon.Foto: Imago

Italien ist ein anderes Kaliber als die Teams der Vorrunde. Was verändert sich dadurch?

Das hat schon Einfluss, man muss sich daran orientieren, wie die Offensivspieler stehen. Wir wollen in der Defensive in der Überzahl sein und auch bei Ballbesitz versuchen, den Gegner passiv zu decken. Wir wollen früh stören und die Italiener daran hindern, ihr typisches Spiel aufzuziehen. Wir wissen, dass Eder beispielsweise schnell ist und in die Tiefe geht, deswegen werde ich vielleicht ein bisschen höher stehen. Wichtig ist aber, dass man sich bespricht.

Sie wirken recht entspannt vor dem Spiel.

Na ja, es ist ein weiteres Finale. Wir hatten jetzt schon eins gegen die Slowakei, da haben wir eine gute Leistung gezeigt, aber klar wird dieses Spiel medial noch einmal anders begleitet. Für uns erfahrene Spieler macht es keinen Unterschied mehr. Ist doch ein tolles Duell.

Kommt Ihnen noch manchmal Mario Balotelli in den Sinn, der im EM-Halbfinale 2012 zwei Tore gegen Sie schoss?

Von dem habe ich neulich ein Foto in der Zeitung gesehen. Für mich ist das erledigt. Außerdem haben sich beide Mannschaften verändert, man braucht nicht zurückzudenken an 2012.

War das EM-Halbfinal-Aus nicht schmerzhaft für Sie?

Klar arbeitete es in einem. Für mich persönlich war dieses ganze Jahr 2012 nicht so positiv. Wir sind mit Bayern dreimal Zweiter geworden, und das Halbfinal-Aus mit der Nationalmannschaft kam dann noch on top. Der Urlaub danach war nicht so schön. Aber man hört ja nicht auf, Fußball zu spielen. Es geht weiter. Das Positive an unserem Beruf ist, dass man immer wieder neue Chancen bekommt. Gerade deshalb freue ich mich jetzt auf Italien.

Liegt der psychologische Vorteil nach einem Sieg über den EM-Titelverteidiger Spanien nicht bei den Italienern?

Wir sind der Weltmeister, wir wollen unser Spiel durchdrücken. Wir wollen unsere Stärke ausnutzen, kein Gegner freut sich, wenn er gegen Deutschland spielt. Und so wird es auch sein. Wichtig wird bei diesem Spiel werden, wer das erste Tor macht. Unsere Devise ist jetzt nicht, die ersten 60 Minuten abzuwarten und dann aus den Löchern zu kommen.

Hinweis: Das Interview wurde gemeinsam mit mehreren anderen deutschen Journalisten geführt.

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