Sport : Marat Safin im Gespräch: Die russische Seele fühlt sich daheim am wohlsten

Herr Safin[können Sie sich noch an die Austr]

Marat Safin (20) ist mit sieben Turniererfolgen 2000 in die Weltspitze aufgerückt. Der Russe gehört auch bei den Australian Open zu den ersten Kandidaten auf den Sieg.

Herr Safin, können Sie sich noch an die Australian Open des Vorjahres erinnern?

Muß ich wirklich noch einmal darüber reden? Meine Güte, das war damals der schwärzeste Augenblick meines Lebens, dieses Spiel gegen den Südafrikaner Stafford. Ich lief wie ein Geist über den Platz.

Sie wurden damals nach Ihrer Niederlage als erster Profi vom Tennis-Weltverband ITF wegen "mangelnden Einsatzes" mit einer Geldstrafe belegt.

Es war schon richtig. Ich hatte mich gar nicht mehr gewehrt und das Spiel in drei Sätzen verschenkt. Die Zuschauer haben nicht das Gefühl gehabt, dass ich gewinnen wollte.

Warum konnten und wollten Sie nicht gewinnen?

Ich war in einem schrecklichen Tief. Ich hatte keine Strategie, keinen Plan für eine erfolgreiche Karriere, und ich hatte auch so eine Mentalität, die Dinge nicht richtig Ernst zu nehmen. Ich habe nur in den Tag hinein gelebt, wie ein Stück Treibgut.

Bis Ende Februar 2000 gewannen Sie kein einziges Saisonspiel und wollten sogar mit dem Tennis aufhören.

Irgendwann verlierst du jedes Selbstvertrauen. Und es hat keinen Sinn, auf den Platz zu gehen in der Angst, wieder abgeschossen zu werden. In solch einem Zustand kannst du kein Profitennis spielen.

Doch das Jahr 2000 haben Sie als Nummer zwei der Rangliste und als US-Open-Sieger beendet.

Es war die größte Achterbahnfahrt, die man sich vorstellen kann. Aus dem tiefsten Tal der Tränen fast an die Spitze der Tennis-Welt, das war schon wie ein Märchen.

Was hat denn zu der großen Wende geführt, zum spektakulären Sprung in die Weltspitze?

Im letzten Frühling kamen Leute an meine Seite, die mich als Menschen und als Tennisspieler umgekrempelt haben. Der Trainer Andrej Tschesnokow, der Berater Ion Tiriac. Die haben mir ins Gewissen geredet und mir vorgeworfen, der beste Tennisspieler der Welt zu sein, der nichts aus sich macht.

Und diese Moralpredigt hat Ihnen das verlorene Selbstvertrauen zurückgegeben?

Nach der Gehirnwäsche gab es eine Trotzreaktion von mir. Danach habe ich wieder die ersten wichtigen Spiele gewonnen. Und nach diesen Siegen hatte ich plötzlich wieder Zutrauen. Das ging ruckzuck, so, wie man einen Hebel umlegt.

Ein Zustand, in dem Sie nicht einmal mehr vor dem übermächtigen Pete Sampras Respekt hatten, der in drei Sätzen glatt verlor.

Es war eine unbeschreibliche Erfahrung: Ich traf jeden Ball, jeden Aufschlag, jeden Volley. Von der ersten bis zur letzten Minute. Ich schaute hinüber zu Sampras und sah, wie er immer wieder ungläubig den Kopf schüttelte. Dabei ist Sampras ein Tennis-Gott.

Anschließend hat Ihnen Staatspräsident Putin gratuliert.

Ich dachte eigentlich, dass er gar keine Zeit hat, sich mit mir zu beschäftigen. Aber sein Telegramm nach dem US Open-Sieg habe ich mir eingerahmt, das wird einmal in meiner Wohnung hängen. Und ich werde es eines Tages meinen Kindern zeigen und sagen: Hey, das war ein großartiger Moment.

Wie reagieren Ihre Landsleute, wenn Sie daheim in Moskau sind? Oder sind Ihre Erfolge unwichtig im russischen Lebensalltag?

Es gibt schon einen gesunden Stolz, vielleicht umso mehr, weil dieser Sport bisher von Athleten aus dem Westen beherrscht war. Aber die Russen sind gleich grenzenlos in ihren Ansprüchen: Ich weiß genau, dass sie mich oder auch Kafelnikow auf Platz eins der Rangliste sehen wollen. Schade, dass es 2000 nicht schon geklappt hat.

Kuerten ist dabei wahrscheinlich auch in diesem Jahr Ihr größter Rivale.

Nicht nur der. Es gibt zehn, fünfzehn Profis, die ganz vorne landen können. Hewitt, Kuerten, Agassi oder auch wieder Sampras.

Als Kind haben Sie Rußland verlassen, weil die Infrastruktur für eine Tennis-Karriere nicht stimmte.

Damals gab es nur wenige Schläger, wenige Bälle und wenige Plätze zum Trainieren. Deshalb war meine Familie froh, dass ein Geschäftsmann meinen Aufenthalt in Spanien finanzierte. Ohne diesen Wechsel wäre ich heute nicht der, der ich bin. Auch, weil ich mich ganz allein in einem fremden Land durchboxen mußte. Besser kann man Unabhängigkeit und Selbstbehauptung nicht lernen.

Und jetzt: Gibt es mit Stars wie Safin, Kafelnikow oder Kurnikowa einen Tennis-Boom in Ihrer Heimat?

Absolut. Wir haben so viele Talente, die auf allen möglichen Anlagen perfekt trainieren und spielen können. In den großen Städten wie Moskau oder St. Petersburg gibt es supermoderne Leistungszentren. Rußland wird sicher eine große Tennis-Nation werden.

Kennen Sie ihre Tennis-Kollegin Kurnikowa auch persönlich?

Natürlich hocken wir bei den großen Turnieren zusammen und tratschen ein bißchen über Gott, Rußland und die Welt. Anna ist schon ein cleveres Mädchen, das weiß, wie man ein paar Dollars verdient. Aber sie kann nichts für die Hysterie.

Im Gegensatz zu vielen Ihrer Profikollegen kehren Sie regelmässig in Ihre Heimat zurück.

Warum sollte ich denn in Monte Carlo oder New York leben. Ich habe nun einmal eine russische Seele - und die fühlt sich daheim am wohlsten. Ich werde auch nach meiner Karriere in Rußland leben, weil ich dort als Tennistrainer mit Talenten arbeiten will.

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