Sport : Marathon: Äthiopien tanzt

Robert Hartmann

In Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba tanzten die Menschen drei Tage lang auf den Straßen. Haile Gebrselassie hatte vorher schon das erwartete Gold über 10 000 Meter gewonnen. Aber dann siegten bei den Frauen auch noch Derartu Tulu und über 5000 Meter Million Wolde, und der absolute Höhepunkt war erreicht, als sich im letzten Wettbewerb der Spiele der erst 22 Jahre alte Gezahgne Abera auf einem sehr hügeligen Kurs erfolgreich durch einen starken Wind geschlagen und nach 2:10:11 Stunden auch noch den Marathon gewonnen hatte. Und das vierte Gold.

In keinem anderen Land der Erde geht von dem Wort Marathon ein größerer Zauber aus. Es hatte mit dem später an einen Rollstuhl gefesselten und daran seelisch zugrunde gegangenen Abebe Bikila begonnen, der in Rom 1960 barfuß über die Pflastersteine der Via Apia lief und die Sportwelt mit seinem getragenen Ernst im Gesicht und der Leichtigkeit seiner Beine über die Maßen verblüffte. In Tokio 1964 wiederholte er diesen Triumph, und als er ins Stadion einlief, achtete er auf Stil und Haltung. Die Anstrengung sollte ihm nach 42,195 km niemand ansehen. Darin war er eitel und stolz.

In der heutigen Zeit liegt Äthiopien Gebrselassie zu Füßen, wegen seiner schieren Unbesiegbarkeit, den 15 Weltrekorden, die er schon aufstellte und seines heiteren Souveränität. Aber geblieben über die vielen Jahre ist die Sehnsucht nach einem neuen Marathonhelden. Denn seit Mamo Woldes drittem Sieg in Folge, damals in Mexiko 1968, brachte niemand mehr etwas Rechtes zustande. Abere trat jetzt in die Fußstapfen der Großen, zu denen auch Wolde für das Volk immer noch gehört, obwohl er seit einigen Jahren wegen einer nicht geklärten Tötung im Gefängnis sitzt. Er hatte dem inzwischen gestürzten kommunistischen Regime als Offizier gedient, und in einer Kirche soll er um sich geschossen haben. Die Regierung lässt sich mit einer Anklageerhebung lange Zeit. Das IOC unterstützt Woldes Familie, damit sie keine materielle Not leidet.

Abere, der bei km 17 sogar gestürzt war, drehte seine letzte Runde im Stadion wie ein Mittelstreckler, Bikila hätte seine reine Freude an ihm gehabt. Der seit acht Jahren in Japan lebende Kenianer Eric Wainaina hatte ihn vergeblich durch zahlreiche Zwischenspurts zu zermürben versucht. Das war ihm nur mit dem zweiten Äthiopier, Tesfaye Tola, gelungen. Unter dem Strich sammelten sich am Ende vier goldene und insgesamt acht Medaillen und das bedeutete ein estaunlicher zweiter Rang in der Medaillenwertung der Leichtathleten gleich hinter den USA. Die Verbandsfunktionäre können zufrieden auf ihre Arbeit zurück blicken, nachdem bei den Weltmeisterschaften in Athen 1997 einzig Gebrselassie auf dem Podium gestanden hatte.

Weit zurück trudelten die erschöpften Stars der letzten Jahre ein, der zweifache Weltmeister Abel Anton nach 2:24:04 Stunden auf Platz 53, noch geschlagen von dem Deutschen Michael Fietz (37. in 2:20:09) oder der kompakte 10 000-m-Europameister und Sieger des London-Marathon, Antonio Pinto aus Portugal. nach 2:15:17 Stunden auf Platz elf.

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