Sport : Marathon: Lachen und Leiden

Martin Hägele

Die Yukos und Yokos, Hiroshis und Taros hatten die Sonne aus dem japanischen Wappen geschnitten. Aus dem weißen Tuch grinsten nun ihre Gesichter. In den Händen trugen sie große Fahnen, auf der die Lebensgeschichte und die Bestzeiten ihres Idols geschrieben waren. Die lustigen Clowns waren wegen des Marathonlaufs der Frauen zu den Olympischen Spielen nach Sydney gekommen, genauer gesagt wegen Naoko Takahashi, und als die sich auf den Weg über die Harbour Bridge machte, da schrieen sie der Läuferin noch einmal hinterher: "Gambare, Gambare". Das ist Japanisch und heißt so viel wie: Kämpfe hart! Kämpfe bis zum Umfallen!

Vom Start fuhren die japanischen Marathon-Fans mit der Metro in die Olympiastadt hinunter und als sie dort ihr "Gambare" brüllten, galt das auch noch Ari Ichihashi, der Vizeweltmeisterin, die zusammen mit der Landsfrau die Rumänin Lidia Simon in die Mitte genommen hatte. Simon hat die japanische Läufergemeinde schon oft genug geärgert, vor ein paar Monaten gewann sie zum drittenmal hintereinander den Marathon von Osaka.

Nach 28 Kilometern aber waren die zwei Favoritinnen allein, und als es in die Canada Bay ging, machte die 28 Jahre alte Japanerin dann wahr, was sie ihren Freunden versprochen. "Ich werde von Anfang bis zum Ende meines Laufs lächeln". Womöglich ist dies auch ein psychologischer Trick der stärksten Ausdauerläuferin Nippons, im Gesicht der Rumänin zuckte es jedenfalls ganz anders, als Naoko Takahashi enteilte, um das Spalier der jubelnden Fans auf den letzten sieben Kilometern allein für sich zu haben.

Die Masche, strahlend zu leiden und den Schmerz mit einem Lächeln zu besiegen hat Naoko Takahashi schon häufig demonstriert. Nach ihren Rekordläufen bei den Asien-Spielen in Bangkok und dem Marathon von Nagoya verblüffte sie ihren Trainer mit der Aussage: "Herr Koide, ich kann noch gut zehn weitere Kilometer laufen." Gerne beten ihre Bewunderer auch das blumige Takahashi-Zitat nach: "Ich habe unterwegs mit dem Weltrekord geflirtet".

Nun besitzt sie den olympischen Rekord und ihre marathonverrückte Heimat endlich die einzige Goldmedaille, die den Japanern noch gefehlt hat. Naoko Takahshi wird dort ähnlich verehrt wie Fußballstars in Italien, Spanien oder Brasilien. Der Kult um ihre Naoko hat Mama Takahashi sogar krank gemacht, die ständigen Pressekonferenzen und Interviews waren zuviel für die traditionell ausgerichtete Lehrersfamilie in der Provinzhauptstadt Gifu.

Den Göttern sei dank hat sich Mama-san aber wieder erholt von der Rummel-Krankheit. Sie mußte auch nicht mehr so oft ans Telefon, weil die Tochter schon Anfang Mai zum Höhentraining in die Berge von Colorado zurückgeflogen war. Richtig normal aber wird es bei den Takahashis noch lange nicht werden. Jede Menge Medien lechzen danach, die Geschichte vom sozialen Aufstieg des Goldmädchens nachzuerzählen.

Denn die kleine Naoko hat im Alter von 13 Jahren nicht nur deshalb mit der Rennerei angefangen, weil ihr das Spaß gemacht hat. Die Unterstützung ihrer Familie hat sie anfangs nur deshalb bekommen, "weil Laufen der billigste Sport war und man nur ein paar Schuhe brauchte". Im Mittelschulalter hätten die Eltern für die Leidenschaft der Tochter dann sogar die Haushaltskasse angegriffen. Sie boten Geld für die Aufnahme ins Trainingslager der Firma Recruit, was nur Oberschülern vorbehalten war. Das Ausnahmetalent Takahashi aber erhielt ein Stipendium, und schon bald darauf wurde sie von der Betriebsmannschaft "Sekisui-Chemie" abgeworben.

Ihre offizielle Berufsbezeichnung lautet seitden Konzern-Angestellte, und obendrein besitzt sie auch noch ein Diplom, das sie als Lehrerin ausweist. In Wirklichkeit aber macht Naoko Takahashi nichts anderes als Laufen. Wegen der Trainingsmethoden ihres Trainers Yoshio Koide ist in Japan sogar eine Diskussion ausgebrochen: es sei unvernünftig, wie lange und wieviele Kilometer Koides Frauen trainieren müssten. Takahashi selbst hat dann diese Debatte beendet. Mit dem passenden Kommentar ihres Chefs: "Ignoranz ist die größte Waffe von Naoko".

Und das Lächeln. Naoko Takahashi hätte einen Schubkarren gebraucht für ihre Ehrenrunde. Noch nie ist ein Olympiasieger so bepackt von der Laufbahn gekommen wie die zierliche Marathonsiegerin von Homebush-Bay. Die Arme voller Blumen und Transparente, nur dass in diesen Fahnen keine lustigen Köpfe steckten, sondern alle roten Bälle noch auf den Flaggen waren. Dafür spielte Naoko Takahashis Gesicht die japanische Sonne.

Und man kann sich auch sehr wohl vorstellen, wie hinter dem lächelnden Mund der Naoko Takahashi ganze Schiffchen von Fisch verschwinden. Denn Sushi-Essen, hat die Olympiasiegerin erzählt, sei neben Laufen und Radfahren ihre größte Leidenschaft.

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